Q/A: Klaudia Gawlas

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Q/A: Klaudia Gawlas

Klaudia Gawlas ist DJane, Produzentin und Labelchefin. Ihr straighter Techno begeistert ihre Fans weltweit. Seit 2013 wurde sie 4-mal in Folge zum „Best DJ“ des Faze Magazin Votings gewählt. Bookings bei Festivals wie dem ADE in Amsterdam, dem Echelon Open Air, dem Tomorrowland Brasilien oder dem SEMF in Stuttgart gehören zu ihrem Kalender ebenso wie Clubgigs auf der ganzen Welt. Klaudia Gawlas gibt uns einen Einblick, wie es ist, als Frau in der Techno-Szene unterwegs zu sein und was bei ihr an Weihnachten und Silvester so geht:

Hi Klaudia! Bist du jemand der sich auf die Weihnachtszeit freut?
Ja, ich mag sie sehr gerne. Man kommt öfter auf einen Glühwein oder Punsch zusammen, hat Familie um sich, es ist auch alles liebevoller da draußen. Diese Gemütlichkeit mag ich. Allerdings bin ich dieses Jahr fast nur unterwegs und Heiligabend dann mal kurz daheim. Danach geht es auch schon weiter. Daher kann ich mich dieses Jahr nicht so darauf einlassen, da hat die Musik Priorität.

KlaudiaGawlas_2016_003 Im Sommer standen bei dir so einige Festival-Gigs auf dem Plan. Geht es im Winter in den Clubs etwas gemütlicher zu? Oder zeigt sich gerade da, wer dem Job als Techno-DJ gewachsen ist?
Nun ja, Clubs finde ich generell gemütlicher. Es ist eine andere Akustik als Open-Air auf einem Festival, oder in einer Halle, die dafür nicht geschaffen ist. Im Club entstehen oft gute Emotionen, da ist es explosiver. Die Zündschnur zur Peak ist für mich im Club um einiges kürzer, und es gibt diese Ausnahmemomente, die öfter im Club entstehen als auf Festivals. Aber auf einem Festival spielt man vor einem größeren Publikum und das macht natürlich eine ganz andere Kulisse.

Ein Festival kommt aber noch: Am 16. Dezember legst du bei Baden-Württembergs größtem Indoor-Festival, dem Stuttgart Electronic Music Festival (SEMF) auf. Freust du dich darauf zum Jahresende die Messe Stuttgart neben Acts wie Sven Väth, Nina Kraviz oder Solomun so richtig einzuheizen?
Natürlich freue ich mich. Dieses Date hatte ich schon das ganze Jahr über im Auge und kann es kaum erwarten, dass es endlich soweit ist. Das ist ein großartiges Event mit einem noch besseren Line-Up. Mittlerweile ist das SEMF zu einer echten Größe herangewachsen. Es freut mich, bei so viel großartigen Künstlern ein Teil davon zu sein. Diese Nacht verspricht viel.

Stehst du allgemein eher auf riesige Festivals wie das SEMF, wo du in Kontakt mit allen möglichen DJs kommst, oder bevorzugst du doch eher die Atmosphäre in Clubs, wo die ganze Aufmerksamkeit dir gehört?
Das Besondere am SEMF ist, dass die Bühnen bislang immer super gebaut waren. Und die Anlage kann auch was. Man hat direkten Kontakt zum Publikum, man fühlt sich nicht so abgeschnitten wie auf einem Konzert. Und wenn ein Track zündet, dann durch und durch. Das sind so Gänsehautmomente, die für mich essenziell sind. Diese Halle, der Sound, ein Publikum, das Bock hat. Dass man viele andere Artists trifft ist natürlich auch ein schöner Aspekt, aber mir bleibt oft wenig Zeit für Gespräche. Da genieße ich lieber das Set eines andere Künstlers, als dass ich mich stundenlang unterhalte. Ich höre gerne der Musik zu und lasse mich davon elektrisieren. Aber es ist immer schön, alte Freunde und Bekannte zu treffen und einfach eine gute Zeit zu haben. An vielen verschieden Orten. Das macht es besonders. Was die Aufmerksamkeit angeht, kann ein großes Event etwas entspannter sein für einen Künstler, als wenn er allein die Hauptrolle im Club übernehmen muss. Ich mag aber beides.

Du bist dieses Jahr an Silvester in nem Club am Start. Sehnst du dich danach auch mal wieder mit Freunden und Verwandten ins neue Jahr zu rutschen?
Das habe ich mir letztes Jahr nach langer Zeit mal wieder gegönnt. Aber ich bin jetzt nicht so der Fan davon, gemütlich zu feiern. Dieses Jahr finde ich es super, wieder im Club zu sein. Wenn mit den geplanten Gigs alles glatt läuft, habe ich noch eine harte Strecke vor mir. Aber ich bin voll motiviert.

Wie lassen sich für dich Familie, Freunde und dein Beruf vereinbaren? Hast du manchmal das Gefühl, dass irgendwas zu kurz kommt?
Ehrlich gesagt ist es nicht so einfach, wie ich es mir anfänglich vorgestellt habe. Es ist für mich immer noch die größte Herausforderung, Privates und Musik unter einen Hut zu bringen. Das viele Reisen, dann wieder das totale Gegenteil und Ruhe in der Familie. Am Anfang meiner Karriere habe ich die Familie etwas vernachlässigt, dafür wurde ich hart bestraft. Daraus habe ich gelernt und widme mich, so oft es geht, meiner Familie, da die Zeit sowieso viel zu schnell vergeht. Ich versuche natürlich dennoch, den Fokus auf der Musik zu behalten. Es ist schon ein großer Spagat.

Welche Vorbereitungen triffst du unter der Woche, um am Wochenende das perfekte Set spielen zu können?
Ich höre unendlich viele Promos und Demos und sortiere mich durch die Releases. Ich klopfe hier und da bei befreundeten Artists an und frage nach neuen Tracks. Meistens kommen da die Passenden noch kurzfristig rein. Aber wenn man Perfektionist ist, wird man für sich selbst nie das perfekte Set spielen. Es gibt immer etwas, das ich auszusetzen habe. Das muss ich dann am nächsten Wochenende besser machen. Und so fängt das Spiel jedes Mal von vorne an.

KlaudiaGawlas_2016_005EDM gilt bei vielen Techno-DJs als Verrat an der elektronischen Musik. Du bist auch immer wieder auf Festivals am Start, wo „Electronic Dance Music“ gespielt wird. Wie ist dein Verhältnis zu EDM-Mucke und den entsprechenden DJs?
Das ist ein schwieriges Thema, das immer schon da war, wenn es um kommerzielle Musik ging. Ich glaube, durch Facebook und das Internet hat die Diskussion viel mehr Beachtung erhalten, als das früher der Fall war, wenn es irgendeinen Hype gab. Als ich letztes Jahr wieder in den USA zu Besuch war, meinten die Leute dort: ‚Oh, you play EDM?‘, und ich so: ‚WHAT?‘. Für die ist alles, was Beats hat, EDM. Electronic Dance Music eben. So wie wir den Begriff ‚elektronische Musik‘ verwenden. EDM ist fast ein Alleinstellungsmerkmal geworden. Große Bühnen, Geld, Jetlag-DJs. In Deutschland gilt EDM inzwischen fast als Schimpfwort. Dazu muss ich sagen, dass ich als 13-Jährige auch erst durch kommerzielle Musik in das ganze Elektronische herangekommen bin. Erst dadurch bin ich irgendwann später bei einem Jeff-Mills-Tape gelandet, durch das sich mein ganzes Leben geändert hat. Das war der Underground Techno, in den ich mich verliebt habe. Zu dieser Zeit gab es noch keine veröffentlichten Sets. Wie sollte man als junger Mensch an solche Musik kommen? Ich hatte das Glück, dass meine Tante raven ging. Deswegen bin ich auch kein Fan davon, wenn die Leute vom Ausverkauf von Techno sprechen. Aber auf einem leeren Festival will auch niemand stehen. Aus diesem Grund kann ich nur dankbar sein, dafür, dass es seinerzeit Trance oder was auch immer gab. Sonst wäre ich jetzt nicht dort, wo ich bin. Das ist ein wichtiger Punkt, den man nicht außer acht lassen darf. Ich bin mit einigen EDMlern gut befreundet, und ich kann aber auch ein bisschen unsere Szene verstehen. Da sind viele Ängste, die diese Wut kreieren. Aber unterm Strich hat das Ganze die Szene auch wieder belebt. Am Sonntag, auf dem Weg vom Flughafen nachhause, mache ich das Radio an, düse gemütlich heim und freue mich, wenn ein Track von einem Kumpel dahin trällert. Besser, als zum tausendsten Mal Bon Jovi. Auf diesen Moment habe ich 25 Jahre gewartet auch wenn ich selber einen ganz anderen Sound spiele. Den Rest muss jeder für sich entscheiden.

Das grandiose Line-Up des SEMF besteht zum Großteil aus Männern. Hat man es als Frau in der Branche irgendwie schwer akzeptiert zu werden?
Der Zugang zur Technik wird den Männern schon in die Wiege gelegt. Als Frau muss man sich das hart erarbeiten und sich in die Thematik einarbeiten. Bei Männern habe ich oft das Gefühl, denen wurde ein Sinn für Technik bei der Geburt implantiert. Als ich angefangen habe, haben sich schon mal ein paar Leute in den Club verirrt, weil sie neugierig waren und eine Frau auflegen sehen wollten. Das kann heute immer noch so sein, jedoch ist es mir egal. Mittlerweile denke ich über sowas nicht mehr nach. Das ist wie beim Autofahren: Einer kann es, der andere nicht. Egal, ob Frau oder Mann.

Klaudia, das Jahr neigt sich dem Ende zu. Irgendwelche Vorsätze oder Ziele für 2018?
Ich hatte 2017 tolle Gigs und war auch an coolen Orten unterwegs. Ich würde gerne dort anknüpfen und hoffe, dass ich im Studio wieder produktiver werde.  Ansonsten wünsche ich mir Gesundheit und Glück für Familie, Freunde und Bekannte.

(Interview: Dennis Bacher)