Die Heimkehr des Mario Gomez

Die Heimkehr des Mario Gomez

Mario Gomez, der verlorene Sohn des VfB Stuttgart, ist achteinhalb Jahre nach seinem Abschied aus dem Schwabenland wieder zurück bei seinem Heimatverein, wo er von 2001 bis 2009 bereits die Kickstiefel schnürte. Stuttgart ist happy über die Rückkehr des Stürmers, am glücklichsten ist aber Gomez selbst: „Der VfB ist ganz klar mein Verein, ich war über acht Jahre hier, bin währenddessen zum Mann geworden. Und dahin wo die Wurzeln sind, kommt man gerne zurück!“, verlautet er bei seiner Vorstellung. Der 1,89 Meter große Angreifer beginnt also seine zweite Amtszeit in Bad Cannstatt, dort, wo damals alles begann. Doch als „Gute-Laune-Bär“, der in Stuttgart gemütlich die Karriere ausklingen lässt, will Gomez keineswegs verstanden werden. Mario Gomez hat noch ein großes Ziel vor Augen, welches er im wohlbekannten Umfeld erreichen möchte…

Text: Dennis Bacher / Fotos: Pressefoto Baumann
fb: mario33gomez

Mario Gomez Garcia, wie der Sohn einer deutschen Mutter und eines Vaters aus Andalusien so herrlich mit vollem Namen heißt, wurde 1985 im Ländle, genauer gesagt in Riedlingen, geboren. Mit knappen 16 Jahren wechselte der blutjunge Stürmer 2001 in die Jugendabteilung des VfB Stuttgart. Die Kaufmännische Schule, gelegen in Stuttgart-Ost, verließ er 2003 frühzeitig zu Gunsten seiner angestrebten Profikarriere beim VfB. So kam er über Einsätze in der Regionalliga für die zweite Mannschaft im Frühling 2004 tatsächlich zu seinen Debüts in Bundesliga und Königsklasse. In der folgenden Saison wurde Gomez von Trainerlegende Giovanni Trapattoni bereits 30 mal aufs Feld geschickt und netzte am 5. Spieltag gegen Mainz auch zum ersten Mal in ein Bundesliga-Tor ein. In der Folgezeit konnte er die Ära der Jungen Wilden in Stuttgart entscheidend mitprägen.

Die Spielzeit 2006/07 krönte Gomez mit wichtigen 14 Toren und der ersten Meisterschaft des VfB Stuttgart seit 15 Jahren. Deutschlands Fußballer des Jahres 2007: Mario Gomez. „Wenn ich heute so zurückdenke, das Cabrio fahren mit der Mannschaft, davon werde ich meinen Kindern erzählen!“, schwärmt der baldige Vater heute. Zwei Saisons und starke, seiner Rückennummer entsprechende, 33 Bundesliga-Tore später, dann die Hiobsbotschaft für alle Jünger des roten Brustrings: Gomez, der Stuttgarter Junge, wechselt für eine damalige Rekordsumme von ungefähr 30 Millionen Euro innerhalb der Bundesliga zum Platzhirschen FC Bayern München.

27_Mario-GomezHeute vergleicht Gomez den VfB Stuttgart mit einer Familie: „Als ich damals gegangen bin, herrschte natürlich Unmut. Klar, man wird irgendwo groß, wo man sich oft auch wohlfühlt. Aber irgendwann hat man dann auch mal ein Alter erreicht, wo man weiterziehen muss, um seine Ziele zu erreichen. Dann bleibt man nicht ein Leben lang bei den Eltern sitzen, sondern geht los.“ Also verlässt der Stürmer 2009 das „Elternhaus“ Gottlieb-Daimler Stadion um seine persönlichen Träume zu verwirklichen.

An der Säbener-Straße verläuft seine erste Saison schleppend. Die Leistungen aus Stuttgart konnte er im ersten Jahr nicht bestätigen, wodurch sein Stammplatz in der Saison 2010/11 verloren ging. Aufgrund großer Personalnot im Kader der Bayern fand sich Gomez im Spiel gegen Hannover am 8. Spieltag in der Startelf wieder und meldete sich prompt mit einem Hattrick fulminant zurück. Eine Kehrtwende in Gomez‘ Bayern-Zeit, denn ab sofort war er wieder ganz der Alte, ein Stuttgarter Top-Stürmer, lediglich im anderen Trikot. Gemessen an den erzielten Toren pro Einsatzminute, weißt Gomez bis heute die höchste Torquote aller Spieler des FC Bayern auf. Bei insgesamt 11.267 gespielten Minuten für den FCB, machte er 113 Hütten, was 0.90 Toren pro 90 Minuten entspricht. Das ist Weltklasse – das ist Gomez.

Gomez, der schon „seit Kindheitstagen“ von einer Station im Ausland träumte, wagte zur Saison 2013/14 den Schritt in die Serie A zum AC Florenz. Rückblickend kann man die Zeit in Italien wahrscheinlich als die am wenigsten erfolgreiche seiner Karriere verzeichnen. Viele Verletzungen sorgten für wenig Einsatzminuten und für den Verlust des Nationalspieler-Status. Für den Stürmer, der im violetten Trikot der Fiorentiner oftmals wie ein Fremdkörper wirkte, im Nachhinein aber eine Erfahrung, die er keineswegs missen will: „Im Sport ist einiges kontrollierbar, doch noch viel mehr nicht. Seit Italien verspüre ich den Ehrgeiz, zur Nationalmannschaft zurückzukehren. Als Spieler bei Stuttgart und Bayern war es für mich normal, Nationalspieler zu sein. Italien hat mir da ein neues Gefühl für den Job und für das Leben an sich gegeben. Ich kann das alles jetzt mehr wertschätzen.“

Der sportlichen „Saure-Gurken-Zeit“ in der Toskana ließ Gomez eine äußerst erfolgreiche am Bosporus folgen. Bei Besiktas Istanbul ballerte sich der damals 30-jährige mit 26 Buden zum Torschützenkönig der Süper Lig und in die Herzen der Anhänger der „Schwarzen Adler“. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 in der Türkei, gab Gomez jedoch schweren Herzens bekannt, aufgrund der politischen Situation nicht in der Türkei bleiben zu wollen. „Es war eine schwierige Entscheidung, die mich sehr beschäftigt hat.“ schreibt Gomez auf seiner Facebook-Seite. „Einzig allein die schrecklichen Ereignisse“ seien der Grund für seinen Abgang.

BAU-20180113-JR-002Somit bahnte sich 2016 eine Rückkehr in die Bundesliga an. Der VfL Wolfsburg klopfte an, Gomez kam und war dem VfB zumindest örtlich gesehen ein Stückchen näher. Nachdem er in seiner ersten Saison bei den Niedersachsen noch mit 17 Toren in der reinen Spielzeit und dem enorm wichtigen Siegtreffer im Hinspiel der Relegation gegen die Konkurrenten aus Braunschweig für den Klassenerhalt sorgen konnte, gelang ihm in seiner zweiten Wölfe-Spielzeit 2017 nur noch ein magerer Treffer, auch aufgrund einer mehrwöchigen Verletzungspause.

Und so bahnte sich nach achteinhalb Jahren, zwei Meistertiteln und Pokalsiegen mit den Bayern, sowie Titeln als Torschützenkönig in Deutschland und in der Türkei etwas an. Vielleicht kam im Herbst der Karriere des Mario Gomez dann doch nochmal etwas Heimweh auf. Eines steht auf jeden Fall fest: Gomez ist wieder da. Dort wo er sich am meisten wohlfühlt – zu Hause – bei seiner Familie.

„Damit, dass der Wechsel tatsächlich zustande kommt, habe ich zu Beginn eigentlich gar nicht wirklich gerechnet“, gibt Sportvorstand Michael Reschke bei der Vorstellungs-PK des Neuzugangs, der irgendwie keiner zu sein scheint, erleichtert zu. Nach einigen Gesprächen hat sich dann jedoch herauskristallisiert, dass Gomez die Rückkehr nach Stuttgart unbedingt realisieren wollte. Für Reschke war Gomez‘ Wille zurückzukehren ein Geschenk. Ein echter Gewinn für die Mannschaft. Ein Gewinn für den Spieler selbst.

Klar, seitdem der Transfer in trockenen Tüchern ist, wurde der 32-jährige Gomez mit Vorschuss-Lorbeeren nur so überhäuft. Denn an seinen bärenhaften Beitrag zur Meisterschaft 2007, erinnern sich die Stuttgarter Fans nur allzu gern zurück. „Ich weiß, dass viele Leute an das letzte Mal zurückdenken werden. Man kann mich aber nicht vorne reinsetzen und es läuft direkt wieder so. Das Ganze wird ein langsamer Prozess werden, ich kann nicht gleich von Beginn an frei wegkicken. Ich bin mir bewusst, dass viel Druck da sein wird. Aber den verspüre ich seitdem ich 18 bin,“ erklärt Gomez. „Ich bin nicht hier weil ich damals Meister mit dem VfB wurde, sondern weil die Konstellation mir den Reiz gibt, der Mannschaft zu helfen“, betont der Neuzugang. „Der Wechsel hat natürlich ein Stück weit etwas mit Liebe zu tun“, gibt Gomez zu, „im Vordergrund steht aber die Karriere.“

Das Trikot mit der Nummer 33, Gomez‘ Rückennummer aus vergangenen glorreichen Tagen, war diesmal nicht mehr frei. Doch für den neuen Alten kein Thema: „Die Nummer war mir egal, ich sehe mich nicht als Marke, ich bin kein CR7 oder ein MG33. Ich habe kurz an die 10 gedacht – musste lachen – und habe dann die 27 genommen. Es kann vielleicht mal passieren, dass ich aus Versehen die Hose vom Ginni (Daniel Ginczek, heutiger Träger der 33,  Anm. d. Red.) schnappe (lacht). Letztendlich habe ich aber auch genug schlechte Spieler mit der 33 auf dem Rücken gemacht.“

An ein eventuelles Engagement beim VfB nach der Profikarriere möchte Stuttgarts neue 27 heute noch nicht denken: „Ich will noch nicht überlegen, wann es zu Ende ist. Momentan fühle ich mich sehr fit und gelassen. Ich bin noch nicht fertig, ich will und kann noch ein bisschen.“ Für Gomez ist außerdem wichtig, dass er nicht den Status des Maskottchens abbekommt: „Ich will kein Fritzle 2 sein, nicht nur die Füße hochlegen und die Karriere ausklingen lassen.“

Dem Klassenerhalt mit Stuttgart soll nämlich noch ein persönliches Highlight folgen: „Der Reiz zu wechseln war für mich wichtig im Hinblick auf den Sommer“, erklärt Gomez. Dann findet nämlich die WM in Russland statt. Die letzte Weltmeisterschaft musste ein enttäuschter Gomez verletzungsbedingt ausfallen lassen und den Siegtreffer im Finale des anderen Mario G. vor dem Fernseher mitverfolgen.

Ob sich die Erfolgsstory für Mario Gomez in seiner zweiten Amtszeit beim VfB Stuttgart wiederholt und als Sprungbrett in Jogi Löws WM Kader dienen kann, steht in den Sternen. Feststeht, dass ein verlorener Sohn seinen Klub, seine Heimat, seine Familie wiedergefunden hat. Im ersten Ligaspiel gegen die Hertha aus Berlin führt er direkt das Tor zum 1:0 Heimsieg herbei. Gomez gibt sich „sehr zufrieden“ mit dem Sieg zum Einstand und der Rückkehr in „das Stadion, in dem alles begann“. Eine gute Grundlage, um einer besonderen Karriere die Krone aufzusetzen. „Ich bin in einer Phase, wo Barcelona eher nichtmehr anklopft. Dass es nun der VfB ist, der mich verpflichtet hat, ist einfach schön!“