Auf [k]eine Kippe mit MILLIARDEN

Auf [k]eine Kippe mit MILLIARDEN

MILLIARDEN – das sind viele. Auch wenn bei Veröffentlichung ihres vielgelobten Debütalbums „Betrüger“ oft von einem Duo die Rede war, waren sie das eigentlich nie. Auch eine Band ist irgendwie zu wenig. „Wir sind mehr ein Klan, eine Familie“, sagen Ben Hartmann und Johannes Aue. Und so oft das Prinzip einer Gang, einer Posse, in der Popkultur gerade auch vorkommt, hier scheint es völlig zu stimmen. Es ist der Ton in ihren Stimmen, die Farbe ihrer Blicke. Es ist die tiefe Ernsthaftigkeit, mit der sie immer wieder erzählen, von ihrem Netzwerk, ihren Freunden, von den Menschen, ohne die sie keine Musik, keine Kunst machen könnten. Wir haben die zwei Berliner zu ihrem neuen Album „Berlin“ befragen dürfen, das am 1. Juni erschien. Ein Interview über Druck, Texte als Ventil, die kommende Tour und die Liebe zu den Fans…

Im September vor zwei Jahren haben wir an genau dieser Stelle im Magazin über euer Debütalbum „Betrüger“ gesprochen. Am 1. Juni erschien der Zweitling „Berlin“. Habt ihr beim Songwriting einen gewissen Druck verspürt, da jetzt gebührend nachlegen zu müssen?
Wir haben sowieso immer weiter geschrieben und wollten auch nicht zu lange warten bis das nächste Material ans Tageslicht kommt: Warten ist der Tot!

Als ich die ersten Singles „Berlin“, „Rosemarie“ und „Über die Kante“ gehört habe, war ich glücklich und beruhigt zugleich: Ihr seid eurem Sound treu geblieben und habt euch doch weiterentwickelt. War das ein bewusster Schritt oder ist das einfach das was rauskommt, wenn man euch machen lässt?
Wir machen so gut wie nichts wirklich bewusst und das soll auch so sein. Wenn uns etwas anzeckt, dann soll es auch gehört werden.

Wie war denn das Feedback der Fans auf die neuen Songs?
Wir dachten eigentlich die Leute seien zurückhaltend, da „Berlin“ als Albumtitel ketzerisch ist, weil man mit diesem missbrauchten Werbebegriff einer verkauften Stadt umgeht. Das böse Potenzial davon kann auch abschrecken. Aber bis jetzt melden sich nur die Glückwünsche – mal sehen! Wenn das Album dann draußen ist, versteht man vielleicht besser, dass es um eine Rückeroberung dieses Begriffs geht. Auf „Berlin“ geht es um die Ambivalenz sich im geglaubten Glück vielleicht selbst abzutreiben.

Die Single „Berlin“ ist eine bittersüße Ode an die Hauptstadt, die sich so langsam abschafft aber doch noch so eine unglaubliche Faszination ausstrahlt, oder wie darf man den Song verstehen?
Im Song „Berlin“ geht die Sehnsuchtsmaschine an und hört nicht auf, bis man im Sumpf ertrinkt. Und Heimat ist eben Heimat. Das alles steht für Sehnsucht.

Bei Liedern wie „Rosemarie“ oder „Ultraschall“ kann man als Zuhörer stark davon ausgehen, dass die Texte autobiographisch sind, da sie so voller Ehrlichkeit und Authenzität sind. Woher nehmt ihr die Inspiration für eure Songs?
Ein Text ist ein Weg, um zu reden. Manche Dinge muss man sagen, sonst wird man an dem Druckstau bestimmt krank. „Ultraschall“ ist ein Echo das lange nachhallt. Inspiration für uns gibts nur im Risiko. Das Album ist inhaltlich eigentlich unser letztes Jahr – so schnell kann es gehen.

Das Video zu „Rosemarie“ hat eine sehr cineastische Bildsprache, was mich zu meinem nächsten Punkt bringt: Ihr habt in Zusammenarbeit mit Mario Clement einen Musikfilm mit dem Titel „Morgen“ gedreht. Wie kam es zu der Idee und der Zusammenarbeit?
Mario wollte einen Film drehen und wir hatten Lust eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Es lag auf der Hand und wir fanden den Versuch einfach geil und herausfordernd!

Nach einigen Festivalstationen im Sommer, geht ihr Ende September auf ausgedehnte „Welt im Blech“-Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Schön zu sehen, dass die Locations seid der letzten Tour größer geworden sind. In welcher Stadt ist denn die „Faszination MILLIARDEN“ am krassesten?
Die Räume werden größer. Das macht einen stolz, stimmt. Entwicklung ist auch Bewegung und das tut gut. Milliarden knallt eigentlich an vielen Plätzen: Unabhängig von der Größe der Städte sind da Leute, die uns wirklich ein- und ausatmen – wir geben in diesem Dialog einfach alles. Ich glaube das merken sie und kommen gerne zu uns! Die „Welt im Blech“-Tour im Herbst wird uns alle unumkehrbar zusammenschweißen, gerade weil das alles so persönlich ist!

(Interview: Teo Hentzschel / Fotos: Phillip Kaminiak)