Urban Hero: Jessica Bulling

Alter: 26 / Wohnort: Ulm / Job: Produktgestalterin 

www.jessicabulling.com 

 

Jessica Bulling ist Produktgestalterin aus Leidenschaft – sie setzte ihren Fokus schon während ihres Gestaltungsstudiums an der HfG in Gmünd auf nachhaltige Themen. Aktuell plant die 26-jährige Ulmerin neben ihrer Selbstständigkeit als akademische Mitarbeiterin das Forschungsprojekt Ledersubstitution und forscht anlässlich ihrer absolvierten Masterarbeit 2017 an alternativen Formen der Lederherstellung. 

Ist es denkbar, aus Ananas, Orange und Co. in Zukunft einen gleichwertigen Lederersatz zu tierischen Produkten zu gewinnen? Diese Frage und mehr ist Anlass für das Interview mit der jungen Gestalterin… 

 

Hallo Jessica – schön, dass es mit dem Interview funktioniert hat. Soweit ich richtig informiert bin, bist du gerade als akademische Mitarbeiterin an der HfG in Gmünd in das Forschungsprojekt Ledersubstitution involviert und nebenher selbstständig – wie bringst du das alles unter einen Hut?
Vielen Dank für eure Anfrage. Vormittags arbeite ich an der HfG in Schwäbisch Gmünd, nachmittags und abends arbeite ich freiberuflich – und Wochenenden gibt es ja auch noch. 

Du hast an der HfG zuerst Produktgestaltung und im Anschluss strategische Gestaltung studiert. Wie bist du zu Design gekommen und wie hat sich diese Leidenschaft entwickelt?
Bis zum Abitur wollte ich eigentlich Schauspielerin werden. Nach dem Abitur habe ich ein halbes Jahr „Besinnungszeit“ zur Studiumsauswahl von meinen Eltern bekommen. Vom Schauspielern kam ich vernünftigerweise ab, als mir klar wurde, wie beschwerlich der Weg und der Beruf höchstwahrscheinlich sein wird. Als Alternative hatte ich die Kunst – mein Lieblingsfach in der Schule. Bei beiden Alternativen ist es jedoch schwierig, eine Anstellung mit regelmäßigem Einkommen zu finden. So kam ich schließlich durch einen Tipp von meinen Vater zum Studiengang „Produktgestaltung“ und zum Design. Das war genau das Richtige für mich! 

„Wenn Fleischesser Fleisch essen und Tierhaut tragen, warum dann nicht konsequent die Analogie von Fleisch zu Pflanzen?“

Schon während deines Produktgestaltungs-Studiums hast du deinen Fokus auf umweltgerechte Gestaltung gesetzt. Wie entstand diese Ausrichtung?
Die HfG Schwäbisch Gmünd steht für funktionales und nachhaltiges Design. Schnell war ich von dieser Ausrichtung „infiziert“ und erkannte den Einfluss und die Verantwortung, die wir Gestalter haben: Wir erfinden neue Produkte, wählen Material und Farbe aus und entscheiden welche Form und Bauteile verwendet werden. Wir sind sozusagen das erste Glied in der Kette und sorgen dafür, wie ökologisch ein Produkt am Ende ist. 

Innerhalb deiner Masterarbeit hast du das Thema „Vegetarismus, Veganismus – Potentiale für die Gestaltung“ bearbeitet, und einen Fokus auf Lederalternativen aus Pflanzenhaut gelegt. Wie entstand die Idee, aus Pflanzenhaut Leder herzustellen?
Ich habe mich mit der Oberfläche und den Verarbeitungsformen von Leder beschäftigt und Analogien in der Pflanzenwelt gesucht: Mensch, Tier und Pflanze verfügen über eine Haut, Schale oder Hülle, geprägt mit einer bestimmten Narbung. So lässt sich beispielsweise die Oberflächenstruktur einer Ananas mit Reptilhaut, eine Kiwi mit Rauleder oder Orangen und Melonen mit Glattleder vergleichen. Durch die Untersuchung des omnivoren, veganen und vegetarischen Lebensstils stellte ich mir zudem die Fragen: Wenn Fleischesser Fleisch essen und Tierhaut tragen, warum dann nicht konsequent die Analogie von Fleisch zu Pflanzen? So kam es dann schließlich zur Pflanzenhaut. 

Kannst du den Herstellungsprozess von Pflanzenleder kurz beschreiben?
Das Ergebnis meiner Masterarbeit ist ein Konzept. Ich habe drei Monate intensiv mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln experimentiert. Die Ananashaut wird getrocknet und weiterverarbeitet. Hierauf möchte ich aber nicht weiter eingehen. Orange, Galia- und Wassermelone habe ich in Glycerol eingelegt. Dabei wird das Wasser entzogen und durch Zuckeralkohol ausgetauscht. Zwar ist das Material haltbar und flexibel, die Reißfestigkeit ist jedoch noch nicht ideal. Hierzu suche ich nach Partnern mit entsprechender Expertise zur Weiterentwicklung.

Welche Vorteile hat in deinen Augen die Pflanzenhaut?
Das Konzept „Pflanzenhaut“ als Lederalternative nutzt Abfälle. Beispielsweise bei der Herstellung von Dosen-Ananas wird die Schale weggeworfen. Pflanzenhaut ist ökologisch, gesundheitlich und ethisch vertretbar. Studien zeigen, dass Kunstleder vom Verbraucher als minderwertig angesehen wird. Bereits entwickelte Ledersubstitute aus Ananasfasern oder Pilzen sind zwar aus ökologischer Sicht positiv zu betrachten, sind Leder jedoch im Bezug auf Optik und Qualitätsanmutung weit unterlegen. Die Pflanzenhaut allerdings hat optische Parallelen zu Leder, versucht es jedoch nicht zu imitieren. Das ist wohl der größte Pluspunkt.

Was war die größte Herausforderung innerhalb der Masterarbeit?
Die größte Herausforderung bei diesem riesigen Thema war es, einen „Punkt“ zu finden. Die Untersuchungen zeigten, dass aus ökologischer, gesundheitlicher und ethischer Sicht alles gegen Leder und Fleisch spricht. Wenn man dieses Wissen hat, muss man unglaublich aufpassen, dass man die Arbeit objektiv vermittelt. Die nächste Hürde, die es zu überwinden galt, war die Materialentwicklung. Ich wollte die Vision der Pflanzenhaut über ein Material vermitteln. Also musste ein Material entwickelt werden. Mir war klar, dass ich Designerin bin und nicht die Expertise von etwa Biochemikern hatte. Somit war der Prozess ziemlich aufregend.

„Das Thema Nachhaltigkeit liegt seit ein paar Jahren total im Trend…“ 

In welcher Form knüpft deine jetzige Tätigkeit an die Masterarbeit an? Wie soll es weiter gehen?
An der HfG habe ich mit meinem betreuenden Professor Matthias Held einen Forschungsantrag zur Promotion eingereicht, bei dem ich ästhetische und funktionale Qualitäten pflanzlicher Ledersubstitute und die Wirkung auf den Nutzer untersuchen möchten. Kurz gesagt geht es darum, strategisch Wege zu finden, Leder so zu substituieren, dass der Nutzer den Ersatz als adäquate Alternative akzeptiert. Parallel dazu bin ich auf der Suche nach Partnern, die mit mir die Pflanzenhaut weiterentwickeln. Schließlich ist das Material noch nicht einsetzbar – bis auf die Ananashaut. Hierzu bin ich auf der Suche nach Unternehmen, die Interesse an dem Thema haben.

Kann Design deiner Meinung nach der Schlüssel für einen nachhaltigen Lebensstil sein?
Das Thema Nachhaltigkeit liegt seit ein paar Jahren total im Trend. Gründe sind die gute Aufklärung über Klimawandel, Ressourcenverbrauch und Gesundheit über sämtliche Kanäle. Hinzu kommt der Einfluss von Marketing und Design, die dafür sorgen, dass die Öko-Optik Mode geworden ist. So sind etwa Korkschuhe, Packpapier als Bucheinbände oder Messestände und Stores aus Holzpaletten hip. Trends kommen und gehen. Ich glaube, dass der Öko-Look irgendwann wieder abnehmen wird. Dann ist es die Aufgabe von uns Gestaltern, neue Looks mit ökologischem Hintergrund zu entwerfen und damit neue Begehrlichkeiten zu wecken und die Lebensstile zu beeinflussen.

Wenn du mal gerade nicht mit Design beschäftigt bist – wie verbringst du deine Freizeit?
Meine Freizeit verbringe ich mit Reiten und Dudelsack spielen. Die besten Einfälle für neue Projekte habe ich meistens dann, wenn ich mich nicht damit beschäftige… und dann beschäftige ich mich doch wieder in meiner Freizeit mit Design. Wenn dann noch Zeit übrig ist, genieße ich es, nichts zu tun.

Wenn du einen Wunsch zum Schluss äußern könntest, welcher wäre das?
Ich wünsche mir, dass ich eines Tages Menschen auf der Straße treffe, die Geldbeutel, Schuhe und Taschen aus meiner Pflanzenhaut tragen.