Titelstory: Alligatoah

Experimentell, hart und detailverliebt – die Rede ist von Lukas Strobel alias Alligaoah. In seinem mitte September erschienenen fünften Studioalbum „Schlaftabletten, Rotwein V“ schlüpft der Musiker wieder in verschiedene Rollen und arbeitet sich an Stereotypen, Vorurteilen und Nachteilen ab. Dabei zeichnet er sich erneut mit einem sehr speziellen Musikstil aus, der nur schwer einzuordnen ist – für die Rap-Szene ist er oft zu melodiös, für den Popmainstream haben die Songs zu viel Text. 2011 lernt Alligatoah den Trailerpark-Mitbegründer Timi Hendrix kennen und es entsteht „Trostpreis“ als erstes gemeinsames Stück. Als 2013 das Album „Triebwerke“ erschien, wandelt sich der Musiker langsam vom Geheimtipp zum Gesprächsthema der Rap-Medien. Spätestens mit dem mehrdeutigen Hit „Willst Du“ gelang dann der große Durchbruch.
Alligatoah ist in vielen Dingen ein Mysterium. Leichte Melodien treffen schwere Themen, brutale Sprachbilder verpackt in spielerischem Wortwitz. Dabei wandelt er zwischen verschiedenen Genres und scheut sich nicht, anzuecken…

Interview: Laura Kiwitt
www.alligatoah.de

 

Hallo Lukas! Mit „Schlaftabletten, Rotwein V“ hast du mitte September dein fünftes, reguläres Studioalbum veröffentlicht. Wie unterscheidet sich dieses Album von den vorherigen?
Zu sagen, es wäre ein experimentelles Album, würde eigentlich unterschlagen, dass die anderen Alben auf ihre Weise auch experimentell waren. Eigentlich habe ich nie etwas anderes gemacht, als Experimente. Die Experimente auf „StRw V“ allerdings sind noch mehr aus dem Ruder gelaufen. Es ist härter, absurder und chaotischer geworden, als alles Vorherige.

Auf welchem Song bist du besonders stolz und warum?
Besondere Freude habe ich empfunden, als ich „Die grüne Regenrinne“ fertig gestellt habe. Ich wollte immer schon eine Krimi-Geschichte erzählen, aber hatte lange Zeit nicht die richtige Sprache dafür gefunden. Nachdem ich meine alten Kindheits-Hörspiele (Drei Fragezeichen, TKKG, Sherlock Holmes) wieder herausgekramt hatte, war endlich die nötige Inspiration da.

In deinen Texten spielst du viel mit Neologismen, also selbsterfundenen Fremdwörtern. Verwendest du die auch im privaten Wortgebrauch?
In der Tat. Man könnte deshalb denken, dass ich krampfhaft besonders lyrisch wirken möchte aber tatsächlich ist das bei mir eher eine Art Notlösung, weil mir oft nicht die richtigen Worte einfallen. Früher habe ich dann gestottert und gar nichts gesagt. Irgendwann habe ich angefangen, mir einfach eigene Worte auszudenken und gemerkt, dass es nicht nur Spaß macht, sondern auch Gespräche sehr bereichern kann.

Ursprünglich kommst du aus einem kleinen Dorf in Niedersachsen. War es schon immer dein Plan, Rap-Musiker zu werden?
Ich hatte schon 2-3 Internet-Alben veröffentlicht, als ich immer noch fest davon überzeugt war, dass ich möglichst bald mit dem Rap-Quatsch aufhöre, um meinem eigentlichen Ziel näher zu kommen. Ich wollte Filme drehen und habe das auch auf Amateurhafte weise getan. Die Sache mit der Musik ist dann nur dummerweise so groß geworden und hat leider so viel Spaß gemacht, dass ich mich dem nicht mehr entziehen konnte. Gottseidank hat mir der Alligatoah-Kosmos auch erlaubt, meine filmische Leidenschaft in den Musikvideos auszuleben. Aber ob Film oder Musik – zum Künstlerdasein gab es nie eine Alternative.

Wenn du kein Musiker wärst – was würdest du dann machen?
Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten, weil ich auch Musiker war, als ich Schüler war und auch Musiker war, als ich Kinokartenabreißer war. Wenn ich also nicht mit Musik mein Geld verdienen würde und vielleicht Taxifahrer wäre, wäre ich doch immer noch Musiker. Ich würde trotzdem nach Feierabend die Gitarre in die Hand nehmen oder bis in die Nacht Beats produzieren. Weil Musiker eben keine Berufsbezeichnung für mich ist, sondern eine Charaktereigenschaft, die ich nicht ablegen kann.

Unter deinem Künstlername Alligatoah stecken die zwei fiktiven Figuren – „Kaliba 69“ und „DJ Deagle“, deren Rollen du selbst übernimmst. Ist Alligatoah nach wie vor eine One-Man-Show?
Ja. Man darf aber dabei nicht vergessen, dass auch eine One-Man-Show ein gutes Team im Hintergrund braucht, dass mich unterstützt und dafür sorgt, dass ich mich voll auf alle künstlerischen Bereiche konzentrieren kann. Mein Wahn, all diese Bereiche selbst zu kontrollieren ist vielleicht bei diesem aktuellen Album noch schlimmer geworden, als bei den Alben davor. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass mit zunehmendem Alter mehr Wissen in allen Bereichen vorhanden ist und ich beispielsweise noch akribischer bei der Wahl der Kamera-Objektive, die ich für meine Video-Drehs verwende, bin.

Ich baue mir doch keinen Spielplatz und sage dann „Ich habe keine Lust selbst darauf zu spielen. Ich lass das andere machen“.

 

Auf deinen Alben spielst und komponierst du dann natürlich auch alles selbst. Wie bringst du das alles unter einen Hut und woher nimmst du deine Inspiration?
Ich sehe das nicht als Problem, sondern als großes Geschenk, in so vielen Bereichen, die ich liebe, tätig sein zu können. Das ermöglicht mir zum Beispiel, sobald ich ein paar Wochen nur im Studio gesessen bin, zur Abwechslung wieder mit der Kamera loszuziehen und Aufnahmen für ein Artwork oder ein Musikvideo zu machen. Ich befreie mich damit sozusagen von Eintönigkeit und das ist auch der Grund, weshalb die Inspiration nie versiegt.

Wie kam es dazu, dass du alles selbst machst? War das eine bewusste Entscheidung?
Ich glaube nicht mal, dass es eine Entscheidung gewesen ist, weil es für mich immer das Selbstverständlichste der Erde war. Wenn man sich als Kind die ganze Zeit schon Bühnenbilder, Musikvideos, Filme und Bilder ausdenkt und dann tatsächlich irgendwann die Möglichkeit bekommt, solche Visionen umzusetzen, warum um alles in der Welt sollte man es dann von jemand anderem machen lassen. Ich baue mir doch keinen Spielplatz und sage dann „Ich habe keine Lust selbst darauf zu spielen. Ich lass das andere machen“.

Dein Musikstil lässt sich nicht klar einordnen – für die Rap-Szene oft zu melodiös, für Pop zu viel Text. Wo siehst du dich selbst?
Ich glaube, es steht mir nicht zu, mich selbst irgendwo einzuordnen. Wenn ich das machen würde, würde meine Musik auch anders klingen. Meine Songs klingen so, wie sie klingen, weil ich nicht daran denke, ein bestimmtes Genre oder eine bestimmte Schublade zu bedienen. Andere dürfen sich dann gerne darum prügeln, in welche Kategorie ich gehöre.

Aus deinen Songs lassen sich durchaus auch politische und gesellschaftliche Statements raushören, obwohl du immer betonst, nicht politisch und gesellschaftskritisch zu sein. Welchen tieferen Sinn verfolgst du mit deiner Musik?
Mein Ansatz beim Musikmachen ist ein sehr egoistischer. Ich will eigentlich nichts weiter, als meine Gedankenspiele und Geschichten loszuwerden. Es steht nicht auf meiner Agenda, eine Botschaft unter die Leute zu bringen. Ich glaube, dieser Egoismus ist wichtig, damit Musiker nicht gefällig oder belehrend werden, sondern nur das raus hauen, was in ihnen vor sich geht. Was in mir vor sich geht, sind aber nun mal oft Geschichten aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben und deshalb kann man, wenn man möchte, auch einen tieferen Sinn darin lesen. Wenn nicht, ist aber auch nichts verloren, denn: Dann bin ich immerhin noch meine Gedanken los geworden.

Mein Ansatz beim Musikmachen ist ein sehr egoistischer. Ich will eigentlich nichts weiter, als meine Gedankenspiele und Geschichten loszuwerden.

 

Gibt es gewisse Vorbilder für deine oft sehr satirischen und ironischen Songtexte?
Der erste Satiriker, der mich bewusst begeistert hat und von dem ich viel gelernt habe, war Rüdiger Hoffmann. Ich mochte seine Art, harte, brutale Themen unaufgeregt und humorvoll anzugehen. Später habe ich dann viel Inspiration auch in den USA gefunden, durch den intensiven Konsum von Family Guy oder Stand-Ups von Louis CK.

Wenn du gerade mal nicht Musik machst – wie verbringst du deine Freizeit?
Wenn ich nicht grade in der Natur bin, verbringe ich oft Zeit damit, Wissen zu sammeln. Manchmal habe ich so Phasen, in denen ich mich Tagelang von Wikipedia-Artikel zu Wikipedia-Artikel klicke und in ein bestimmtes (oft historisches) Thema sehr tief eintauche. Ich wünschte manchmal, dass ich diesen Wissendurst schon in der Schulzeit gehabt hätte. Dann hätte ich sicher bessere Noten gehabt, aber wie das so oft ist, will man nie das, was man soll.

Die letzte Tour, die du gemacht hast, war eine Akustik-Tour. Was war der größte Unterschied zu deinen vorherigen Touren?
Auf meinen normalen Touren habe ich eine Band aus vier Instrumentalisten und einem Backup, während ich auf der Akustik-Tour immer nur von einem einzigen Instrument begleitet wurde. Beim letzten Mal war das eine Hammond-Orgel.

Was war das beste Erlebnis dabei?
Die Akustik-Tour spiele ich stets in Theater-Sälen, vor einem sitzenden Publikum. In diesem Sommer habe ich das Konzept zum ersten Mal auf einem Sommerfestival ausprobiert und dafür das Deichbrand Festival bestuhlt. Das war eine der verrücktesten Dinge, die ich in meinem Bühnenleben gesehen habe.

Du bist bekannt für deine andersartigen Bühnenshows. Was schätzt du besonders an Live-Auftritten?
Ich mag das Unabänderbare. Wenn man im Studio einen falschen Ton singt, kann man das löschen und es nochmal probieren. Wenn dasselbe auf der Bühne passiert, dann muss man damit arbeiten und das führt oft zu einmaligen, wunderbaren und witzigen Erlebnissen.

Für 2019 ist schon eine große Tour geplant – was können deine Fans neues erwarten?
Sie können erst mal auch Altes erwarten, und zwar dieselbe Band, mit der ich schon die letzten Touren gespielt habe, sowie ein paar alte Lieder. Dann natürlich aber auch die neuen Songs und ein Bühnenbild, was vermutlich alle meine bisherigen Bühnenbilder aussehen lässt, wie Wartezimmer-Deko.

Wenn du noch einen letzten Satz zu sagen hättest, welcher wäre das?
Es gibt nur Liebe.


ALLIGATOAH:
SCHLAFTABLETTEN,
ROTWEIN V

 

Alle Fotos: Norman Z