Urban Hero: Matthias Bernlöhr

Alter: 32 / Wohnort: Mögglingen / Job: Software-Entwickler 

3520 Kilometer ein halbes Jahr durch 14 Bundesstaaten – der Mögglinger Matthias Bernlöhr brach mit seiner Tour durch die USA aus seinem Alltag aus und verwirklichte sich nebenbei noch einen großen Traum. Mit nur 20 Kilogramm Rucksackgepäck zog er allein los und übernachtete in freier Wildbahn. Sein einziger Begleiter während der Reise: ein GPS-Tracker. Mit Hilfe dieses Geräts dokumentierte er seine Reise mit Bildern, Texten und Routen auf seinem Blog. 

Im Interview berichtet der 32-jährige Software-Entwickler von seiner Zeit auf dem Appalachian Trail. 

 www.berniestraillife.com 

Hi Matthias – schön, dass es mit dem Interview geklappt hat. Erzähl doch mal… Wie kamst du auf die verrückte Idee, hier einfach mal alles stehen und liegen zu lassen und allein durch die USA zu ziehen?
Vielen Dank für das Interesse. Ich würde sagen, ich musste einfach mal „raus“. Trotz harmonischer Familie, vieler guter Freunde und einem guten Job, hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht passt. Ich liebe es in der Natur zu sein. Eines Tages kam ich von einer Tageswanderung aus den Alpen zurück. Abends lag ich auf meinem Sofa und habe YouTube Videos über das Wandern geschaut. Ich hatte schon einmal eine Reportage über den Appalachian Trail auf National Geographic gesehen. An diesem Abend bin ich wieder über genau diesen Trail gestolpert. Ich dachte mir einfach: „Das ist genau das, was ich machen will.“ Ein paar Wochen später war ich in der amerikanischen Botschaft in Frankfurt und habe mein Visum beantragt.

Warum gerade die USA und kein anderes Land?
Es ging mir nicht um das Land, sondern um den Trail. Der Appalachian Trail ist der bekannteste Long Distance Trail auf der ganzen Welt. 

Hast du vorher schon Erfahrung gehabt, durch die Wildnis zu ziehen, oder war das dein erstes Mal?
Das Wandern und draußen in der Natur zu sein macht mir schon immer Spaß. Bisher war ich überwiegend für Tagestouren in den Alpen unterwegs. Länger als drei Tage am Stück war ich noch nie in der Wildnis unterwegs. Ich würde auch nicht behaupten, dass es in Deutschland irgendwo echte Wildnis gibt! Bei uns sind viel zu viele Städte in Reichweite.

Du bist ja allein gereist. Was waren die interessantesten Begegnungen auf deiner Reise?
Die Menschen, die ich kennenlernen durfte. Es machte keinen Unterschied, ob es sich um einen Obdachlosen, einen Milliardär, einen Schwarzen, einen Weißen, einen Europäer, einen Amerikaner oder einen Australier handelte; übertrieben gesagt natürlich. Es ist eine Gemeinschaft und jeder hat dasselbe Ziel. Und ich denke genau diese Tatsache macht es aus. Jeder versteht sich mit jedem und absolut gar nichts wirkt aufgesetzt.

Sind daraus echte Freundschaften entstanden oder nur flüchtige Bekanntschaften?
Es sind viele flüchtige Bekanntschaften entstanden. Über soziale Netzwerke ist man natürlich noch vernetzt. Aber ich habe auch einige echte Freunde für das Leben gefunden. Die letzten vier Staaten zum Beispiel bin ich mit zwei Amerikanern gelaufen. Wenn man so lange zusammen unterwegs ist, schweißt das unheimlich zusammen. Man kennt jedes noch so kleine Detail der anderen, da man sich fast den ganzen Tag unterhält. Es gibt eben keine Ablenkungen. Ich bin mir absolut sicher, das ich mit diesen Menschen mein Leben lang Kontakt halten werde. 

Wie sah ein typischer Tag für dich aus?
Ein typischer Spruch auf dem Trail ist „Walk, Eat, Sleep, Repeat“. Das trifft es wirklich auf den Punkt. Ich bin immer kurz vor Sonnenaufgang aufgewacht. Man lebt mit der Sonne. Bis auf eine Stirnlampe gibt es auch keine andere Lichtquelle. Dann habe ich mir mein Frühstück gemacht und langsam meine Sachen gepackt. Nach ungefähr einer Stunde war ich wieder unterwegs. Gegessen wird meist nebebei. Kleinere Pausen habe ich an schönen Aussichtspunkten gemacht. Eine Mittagspause muss aber natürlich schon sein. Abends bin ich solange gewandert bis ich einen schönen Platz gefunden habe, an dem ich mein Zelt aufbauen konnte. 

Ein typischer Spruch auf dem Trail ist „Walk, Eat, Sleep, Repeat“. Das trifft es wirklich auf den Punkt.  

So allein in der Wildnis stell ich mir gefährlich vor – was war die riskanteste Situation, in die du geraten bist?
Es ist gar nicht so gefährlich wie man vielleicht denkt. Es gibt natürlich ein paar Tiere, die man lieber nicht aus der Nähe treffen möchte. Schwarzbären sieht man meistens von hinten, wenn sie dabei sind wegzurennen, sie sind scheu. In meinen 5 Monaten auf dem Trail habe ich insgesamt 19 Bären gesehen. Zwei davon aus nächster Nähe. Einer dieser Bären war definitiv an Menschen gewöhnt. Er hatte mich in einem Abstand von ca. 50 Metern über 20 Minuten lang verfolgt. Egal in welche Richtung ich gelaufen bin oder wie laut ich war. Da weit und breit niemand in der Nähe war, hatte ich ein sehr mulmiges Gefühl. Irgendwann ist er dann einfach im Wald verschwunden. Meine riskanteste Situation war jedoch wetterbedingt. In der Regenzeit im Mai gab es in einer Nacht ein richtig heftiges Unwetter. In dieser Nacht hatte ich mein Camp auch noch alleine aufgeschlagen. Hagel prasselte auf mein Zelt. Die Blitze waren so hell als hätte jemand einen Flutlichtstrahler in mein Zelt gestellt. Der Donner kam zusammen mit den Blitzen und war ohrenbetäubend laut. Zusammen mit heftigen Windböen habe ich in der Nähe immer wieder Bäume umstürzen gehört. Ich habe nur gehofft, dass kein Baum auf mein Zelt stürzt. In dieser Nacht habe ich so gut wie nicht geschlafen!

Ich habe nur gehofft, dass kein Baum auf mein Zelt stürzt. In dieser Nacht habe ich so gut wie nicht geschlafen! 

Was haben deine Freunde und Familie davon gehalten – hat eher die Freude oder die Angst überwogen?
Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Meine Familie war besorgt, dass ich diese Tour völlig alleine starte. Aber natürlich haben sie mich in allen Dingen zu 100 Prozent unterstützt. Meine Freunde fanden es entweder absolut schwachsinnig oder sie fanden die Idee großartig. Viele waren auch in einer Weise neidisch und würden so eine Tour gerne selber mal machen. Diesen Leuten kann ich nur eines raten: Macht einfach! Es ist es wert!

Du bist gerade Mal mit 20 kg Gepäck losgezogen. Was waren da deine wichtigsten Utensilien?
Ich würde nicht behaupten, dass ein spezieller Teil meines Equipments besonders wichtig war. Es war die Gesamtheit. Mein Equipment war auf ein Minimum reduziert und jeder einzelne Gegenstand wurde gebraucht. In mehreren kleineren Touren habe ich verschiedene Konstellationen meines Equipments getestet. Generell sind natürlich das Zelt und ein guter Schlafsack wichtig. Auch die Kleidung ist nicht zu vernachlässigen. Sie sollte immer dem Wetter entsprechen. Als Tipp kann ich nur empfehlen, dass Wanderkleidung niemals aus Baumwolle bestehen sollte. Diese braucht ewig um zu trocknen und wärmt nicht wenn sie nass ist. Fast meine komplette Bekleidung besteht deshalb aus Merinowolle. Bei kälteren Temperaturen hatte ich auch immer eine leichte Daunenjacke im Gepäck.

Wie hast du das mit Hygiene und Lebensmittel-Versorgung gemacht?
Hygiene kommt ohne Frage zu kurz. Das geht eben nicht anders. Meine Hygieneartikel bestanden aus einer abgesägten Zahnbürste, Zahnpasta, Zahnseide, Handdesinfektionsmittel und etwas Toilettenpapier. Und ja, Deo macht absolut keinen Sinn. Jeder, der anfangs ein Deo dabei hatte, hat es aus Gewichtsgründen (und weil es sowieso nicht hilft, man schwitzt einfach zu viel) spätestens nach zwei Wochen nicht mehr dabei. Wir haben uns immer darüber amüsiert, dass wir die Tageswanderer meistens riechen, bevor wir sie gesehen haben. Parfumgeruch kommt einem auf einmal sehr intensiv vor, wenn sich die Sinne an die Natur gewöhnt haben. Der Trail kreuzt circa alle 5 bis 6 Tage eine Straße, von der aus ich in die nächstgelegene Stadt trampen konnte. In der Stadt konnte ich duschen, Kleider waschen und Lebensmittel nachkaufen. 

Welche Momente waren für dich während der Reise unvergesslich?
Natürlich ist der Trip im Ganzen absolut unvergesslich. Es war ein Abenteuer! Die ersten drei Wochen im Mai gab es den schlimmsten Regen seit 40 Jahren. Diese Zeit werde ich so schnell nicht vergessen. Es war für drei Wochen lang einfach alles nass was ich dabei hatte. Morgens bei 5 Grad nasse Kleider anzuziehen und in nasse Schuhe zu schlüpfen, lässt einen zweifeln, warum man das überhaupt tut. Der Sommer dagegen war fantastisch. 

Deine Reise hast du in einem Blog dokumentiert. Wie kam es zu dieser Idee und was erhoffst du dir davon?
Die Idee der Dokumentation meiner Reise entstand eigentlich relativ kurzfristig vor meiner Abreise. Ich habe Bekannten von meinem GPS-/Satellitengerät erzählt. Dieses war ursprünglich nur für den Notfall gedacht. Durch eine Satellitenverbindung kann ich überall auf der Welt, auch ohne Handyempfang, einen Notruf absetzen. Zusätzlich sendet das Gerät alle 30 Minuten meine aktuelle Position, was sich auf einer Karte visualisieren lässt. Und so entstand auch die Idee. Bekannte meinten, dies würde sich ja alles wunderbar auf einer Homepage mit einem Blog verbinden lassen. Diese Idee fand ich großartig. Als Softwareentwickler habe ich sofort eine Homepage mit Blog und Livekarte aufgesetzt. Dadurch haben alle Daheimgebliebenen die Möglichkeit, mich in gewisser Weise auf meinen Reisen zu begleiten.

Welche Reise steht als nächstes an?
Für das kommende Jahr habe ich eher kleinere Trips geplant. Ich werde mit einem Freund den Westweg von Pforzheim bis nach Basel wandern. Dort haben wir bisher erst zwei Etappen gemacht. Im Sommer werde ich für zwei Wochen nach Schweden fahren und eine Kanutour machen. Allerdings würde ich sehr gerne einen weiteren Long Distance Trail in den USA, den PCT (Pacific Crest Trail) an der Westküste wandern. Ich hoffe dieser Traum lässt sich verwirklichen. 

Für die Zukunft: Was nimmst du von dieser Tour für dein Leben mit?
Ganz viele Dinge! Wenn man sich so lange mit sich selbst beschäftigt, lernt man automatisch einiges über sich selber. Ich bin auf jeden Fall ein deutlich ruhigerer und gelassener Mensch als zuvor. Ich habe wieder gelernt die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Eine Dusche, fließend Wasser, eine gute Mahlzeit zu haben; Dinge, die für uns alle zur Selbstverständlichkeit geworden sind.