Auf [k]eine Kippe mit Tim Schou

Singer-Songwriter, Weltenbummler und Couch-Surfer – Der 30-jährige Däne Tim Schou ist ein Paradebeispiel für den minimalistischen Lebensstil. 2015 hat er sich von all seinen Besitztümern getrennt, reiste in 25 Länder und nutzte diese Zeit vor allem, um Songs zu schreiben. In Dänemark war Tim damals ein Popstar. Seine Band A Friend in London nahm mit dem Song „New Tomorrow“ am Eurovision Song Contest teil und erreichte im Finale 2011 in Düsseldorf Platz 5. Nach einer Arenatour mit den Backstreet Boys und New Kids on the Block löste sich die Band auf. Tim startete eine Solokarriere und hielt sich mit Jobs in Musicals über Wasser. Was Tim auf seinen Reisen erlebt hat und wie das seine Musik beeinflusst, erfahrt ihr im folgenden Interview…

Interview: Laura Kiwitt
www.timschouonline.com  

Hallo Tim! Schön, das es mit dem Interview geklappt hat. Was machst du gerade?
Im Moment esse ich, nach einem wirklich lustigen Fotoshooting, einen Salat in Kopenhagen. Entschuldige also, dass ich mit vollem Mund tippe.

Jetzt bist du ja während deiner Reisen in über 25 Ländern viel rumgekommen. Kannst du uns deine persönlichen Top-3 Reisetipps verraten?
Woah, das ist eine wirklich schwierige Frage, aber okay, lass es uns probieren! Top 3: Ljubljana in Slowenien, Have in Ghana und, last but not least, Los Angeles, Kalifornien.

Welche Reise ist als nächstes geplant?
Mein nächster Flieger startet in ein paar Tagen und bringt mich an einen Ort, an dem ich mich sehr heimisch fühle: Berlin in Deutschland. Hier werde ich eine Woche im Studio arbeiten. Übernachten werde ich in Kreuzberg – da gibt ein wirklich cooles Hostel-Boot in der Nähe der Mauer/East Side Gallery, wo ich regelmäßiger Gast war für viele Jahre. Inzwischen bin ich da so was wie ein Freund des Hauses, würde ich sagen. Dieses Hostel ist einfach außergewöhnlich, außerdem bezahlbar, total reizend und anders. Ihr solltet das ausprobieren!

Was war das beste Erlebnis, das du während deiner Reisen gemacht hast?
Eines war sicherlich mein Auftritt in Malta vor 65.000 Menschen. Haha, das war echt der Wahnsinn. Das erinnerte mich an „Lord of the Rings“. Aber ich habe gehört, dass die Silvester-Show am Brandenburger Tor in Berlin noch verrückter sein soll als das. Ich vermute also, dass meine verrückteste Erfahrung von den Deutschen überboten wird.

2015 hast du dich von all deinen Besitztümern getrennt. Was hat dich dazu bewegt, diese Entscheidung zu treffen?
Meine Musik, um es ganz kurz zu sagen. Aber hier kommt die ausführliche Version: Zu jener Zeit bemerkte ich, dass ich viele Dinge tat, die nichts mit meiner Musik zu tun hatten und die ich eigentlich bereits aufgehört hatte zu tun. Ich denke, ich hatte die Verbindung verloren zu dem, was mich überhaupt zum Schreiben von Songs gebracht hatte. Außerdem hatte ich meinen „normalen“ Job gekündigt, was mein Traum war, seit ich mit 16 oder 17 die Schule verlassen hatte. Ich wusste, was ich im Leben wollte und wie ich das erreichen würde, weshalb es mich jeden Tag traurig gemacht hat, eine Arbeit auszuüben, die ich nicht liebte. Bis jetzt, zehn Jahre später, gab es seither nicht einen Tag, an dem ich nochmal mit diesem schrecklichen „Ugh, ich will heute nicht zur Arbeit gehen“-Gedanken aufgewacht bin.

Was waren die gravierendsten Unterschiede als Reisender im Gegensatz zum Leben mit festem Wohnsitz?
Hmm, ich denke für mich bestand der größte Unterschied darin, dass ich Leute auf eine ganz andere Art und Weise kennengelernt habe, wie wenn ich ein eigenes Zuhause gehabt hätte. Weil wir es uns schnell bequem machen in unserem eigenen Leben und das, was wir heute tun sollten, gerne auf morgen verschieben – weil wir gemütliche Hauskatzen sind. Aber ich bin dazu gezwungen rauszugehen, neue Leute zu treffen – und ich liebe das. 

Hast du die Entscheidung jemals bereut?
Da halte ich mich kurz: Nein, nö, kein bisschen.

Wie definierst du für dich den Begriff „Freiheit“?
Für mich bedeutet Freiheit, das zu tun, was du liebst. Und die Tatsache, dass ich schon sehr lange die Welt bereise, um mir damit meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, ist verrückt und fühlt sich sehr befreiend an. Ich wollte mich selbst befreien von den Dingen, die mich davor runtergedrückt und dazu verleitet haben, schlechte Entscheidungen für mich zu treffen. Also zog ich mich quasi aus, ging raus, fragte Freunde und Fremde, ob sie mir mit einer Bleibe aushelfen können, während ich an meinem künstlerischen Handwerk feilte – und glücklicherweise glaubten viele Leute an mich, wie der Produzent, der mich in dieser einen Nacht anrief. Hier bin ich also. Glücklich wie nie und ich kann es nicht erwarten, diesen Leuten, die mich auf meinem Weg begleiteten, etwas zurückzugeben. 

Was sind die wichtigsten Dinge, die du während deiner Reise in deinem Rucksack dabei hast?
Boxershorts! Und Socken. Ich rolle sie ganz, ganz fest zusammen wie kleine Pancakes. Ich bin übrigens ein großer Pancakes-Fan. Mein Vater mach die besten.

Die Zeit während deiner Reisen nutzt du vor allem, um Songs zu schreiben. Welchen Einfluss haben die Reisen auf deine Musik?
Jemand fragte mich mal, ob ich „swifte“ – er bezog sich auf Taylor Swift. Und ich muss zugeben, dass ich das tue. Ich schreibe über die Menschen, die ich treffe. Du musst also vorsichtig sein, dass du nicht in einem Song endest 😉 Einmal schrieb ich auch einen Song übers am Boden schlafen, nachdem ich fünf Tage in einem Einkaufszentrum geschlafen hatte. Meine Songs werden also sehr wörtlich und direkt von meinem Tun inspiriert. Manchmal begebe ich mich absichtlich in seltsame Situationen, weil ich weiß, dass die Chancen, dass dabei ein guter Song raus kommt, sehr hoch sind. Das ist dann oftmals nicht so clever, wie manch einer meinen mag. Haha.

Für mich bedeutet Freiheit, das zu tun, was du liebst. Und die Tatsache, dass ich schon sehr lange die Welt bereise, um mir damit meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, ist verrückt und fühlt sich sehr befreiend an. 

 

Folk, Pop, R’n’B und Electro – Alles fliest in deiner Musik zu einem sehr speziellen Sound zusammen. Was macht deine Musik so einzigartig?
Bei diesem ganzen Prozess der Suche nach dem richtigen Team, den richtigen Deals, war es mir immer unheimlich wichtig, dass ich das Gefühl habe, dass ein Verständnis da ist für das, was ich tue und dafür, wer ich als Künstler bin. Die wichtigste Zutat meiner Musik ist also die Freiheit, der sein zu können, der ich in dem Moment sein will. 

Anfang diesen Jahres hast du sogar mit Superstar Felix Jaehn einen Track veröffentlicht. Wie kam es zu dieser Kooperation?
Felix und ich fingen an, zusammen zu arbeiten, als ich zum ersten Mal in Berlin war, um dort mit meinem deutschen Produktions-Team von „Hitimpulse“ zu arbeiten. Der erste Song, der dort entstand und den auch Felix hörte, trägt den Titel „Fool for You“. Das Lied wurde zwar nie veröffentlicht, aber wir starteten unsere Zusammenarbeit, einfach weil Felix meine Stimme mochte. Ohne zu viel zu verraten: Wir könnten in naher Zukunft an etwas Coolem arbeiten. Ich kann nur leider nicht mehr Details dazu ausplaudern. Andernfalls müsste ich dich umbringen 😉

Abschließend: Wie siehst du dich in zehn Jahren – musikalisch und privat?
Haha. Ich liebe diese Frage. Erstmal: Warum sind alle immer so wild darauf, sich die Zukunft auszumalen? Wenn ich das Glück haben sollte, in zehn Jahren noch hier zu sein, dann hoffe ich, dass ich genau das tun werde, was ich aktuell tue. Alles zu geben für das, was mich glücklich macht und meinen Zweck hier zu sein erfüllt. Aber wenn du für das Interview ein paar Ziele und Erfolge brauchst, dann das: Ich hätte gerne ein cooles Holzhaus in Ghana. Und mein größter Wunsch ist vielleicht der, in einem Tourbus zu sitzen, durch die ganze Welt zu touren, meine Musik zu spielen und Leute zu treffen. 

 

 

Tim Schou:
Single Run, Run, Run, Run, Run 

 

Fotos: Johnny Brungs, Jeannine Platz