THE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM

Die Crackhuren sind eigentlich gar keine echte Band, sondern eine Selbsthilfegruppe, ein psychosoziales Experiment. Bekannt wurde die Band unter anderem durch ihre Single „Ich du mein Pony“. 2008 waren sie als Vorband von K.I.Z. auf Tour. Fünf Jahre haben sie jetzt versucht, die Spätpubertät hinter sich zu lassen und sich selbst zu therapieren. Dabei manövrierten sich die Girls in eine handfeste „bitchlifecrisis“ – ein Album über Hängengebliebensein, Erwachsenwerden, gescheiterte Beziehungen, Lower Class Feminismus, Gesellschaftsdruck und natürlich Sex. Mit ihrer eigenen Mixtur aus Electro-Clash, NDW-Vibes, Rap-Kollaborationen und „Trap-Punk“ kann diese Platte jetzt schon als etwas ganz besonderes gehandelt werden.

Interview: Tom Jentsch
▶ fb: @thetchik 

 

Moin die Damen! Euer neues Album kommt. Wie kams zum Albumtitel „bitchlifecrisis“?
Moin auch zurück! Also „bitchlifecrisis“ kommt natürlich von der allseits gefürchteten Midlifecrisis. Dafür sind wir allerdings noch ein bisschen zu jung. So langweilig und abgedroschen es auch klingt: es geht ums erwachsen werden. Davor haben wir uns ja ewig gedrückt, aber inzwischen ist es fast nicht mehr möglich mit einer rosa Brille durch die Gegend zu spazieren. Das Album ist nicht mehr ganz so spätpubertär und naiv wie das Letzte. Unsere Probleme und Sichtweisen sind andere. Aber so ganz aufgeben wollten wir unser Teenie-Dasein auch nicht. „bitchlifecrisis“ beschreibt also ein bisschen diesen Kampf. Wie Britney es schon damals gesagt hat: „I Am Not A Girl, Not Yet A Woman.“

Wie Britney es schon damals gesagt hat: „I Am Not A Girl, Not Yet A Woman.“ 

 

„Jobcenterfotzen“ heißt die aktuelle Auskopplung und ihr habt auch gerade ein Bild bei Facebook gepostet, das euch vor dem Job Center Pankow zeigt. Basiert der Song also auf eigenen Erfahrungen?
„Jobcenterfotzen“ handelt tatsächlich von unseren Erlebnissen aber auch von vielen, vielen Erzählungen. Um das klar zu stellen: Mit dem Lied ist nicht gemeint, dass alle Menschen, die im Jobcenter arbeiten, auch Fotzen sind. Aber leider gibt es eben Fotzen, die im Jobcenter arbeiten. Ich kenne auch viele tolle Leute, die im Jobcenter arbeiten. Die sollen sich bitte nicht angesprochen fühlen. Leider hatte ich mit meiner Sachbearbeiterin damals nicht das Glück. Sowieso ist es ja keine geile Sache, dorthin zu müssen. Mir wurde das Gefühl vermittelt, etwas zu wollen, das mir absolut nicht zusteht. Das war ziemlich whack und ich war froh, dort so schnell wie möglich wieder rauszukommen. Es wird ja oft arbeitsuchenden Menschen unterstellt, dass sie nicht arbeiten wollen. Das regt mich massiv auf.

In einem anderen Interview von euch habt Ihr „SchlagerPunkElectro“ als Genre genannt. Diese Schubladerei ist ja eh lästig, aber ich muss auch immer son bisschen an die NDW denken. Könnt ihr damit etwas anfangen?
Ja, definitiv. Ich liebe NDW, aber noch lieber mag ich das, was kurz davor kam. Deutscher Pop-Punk Ende der 70er. Hans-A-Plast, zum Beispiel sind meine absolute Lieblingsband und die Sängerin Annette Benjamin vergöttere ich. Auch Nina Hagen, die Humpeschwestern… ach <3

Das letzte Album ist schon fünf Jahre her. Wolltet ihr euch bewusst Zeit lassen oder was hat so lange gedauert?
Nee, bewusst war das nicht. Der eigentliche Plan war, sofort weiter zu machen. Wir waren allerdings so fertig und genervt von uns selbst, dass wir eine Pause brauchten. 2013 waren wir ja noch 8 Mädchen und 3 Boyz. Jeder hatte da sein eigenes Päckchen zu schleppen und wir hatten uns nach der Tour einfach durch. „Dummerweise“ sind wir ja auch besten Freundinnen. Heißt, wir hingen auch so wahnsinnig viel zusammen rum. Ein paar Girlz haben uns verlassen, Kinder bekommen, sind berühmt geworden oder hatten einfach Lust auf seriöse Arbeit. Wir mussten uns erst mal ein bisschen erholen, bevor da wieder irgendwelche Grütze aus unseren Köpfen kam, die man musikalisch verpacken konnte. 1000 Küsse an alle!

In der Albuminfo wird die Band auch als Selbsthilfegruppe bezeichnet – da geht bei mir gleich das Fight Club-Kopfkino los. Was sind denn so die jeweiligen Auffälligkeiten bei euch in der Band?
Ach, das ist so vielfältig. Unser Tourbus wurde von unserem damaligen Manager auch liebevoll Opferbus genannt. Das kann ich nur unterschreiben. Wir sind auf jeden Fall alle ziemlich nervig. Nach wie vor.

In der exklusiven „Lovebox“-Edition gibt’s gar zauberhafte Goodies, u.a. auch einen Pferde-Roman „Sandy Hollbusch – erotische Abenteuer auf dem Pferdehof“. Habt ihr den Roman selbst geschrieben?
Ja, den Roman habe ich mit Hilfe von meinem „Bruder“ Tristan Daniel geschrieben. Tristan ist eine Legende und ehemaliger Schlagzeuger der „Die Shitlers“. Ich war für die eklige Idee und die Sexszenen verantwortlich und er für den Rest (fast alles). Vielleicht sollte man dieses Meisterwerk nicht unbedingt in der Bahn lesen, denn es ist hot hot hot! Ich empfehle ein heißes Bad, Kerzen, Sternburgbier und einen Kotzeimer.

Habt ihr andere Empfehlungen im Bereich der (erotischen) Literatur?
Scheißt auf „Fifty Shades of Grey“ und diese ganze Hochglanzkacke. Kauft euch einfach „Tiffany Hot&Sexy“. Das ist eine Buchreihe, die gibt es in jedem gut sortierten Rewe und es sind immer 3-4 Geschichten in einem Buch. Da geht es ziemlich zur Sache und hinterher wird geheiratet. Und das alles für nur 5 Euro.

Scheißt auf „Fifty Shades Of Grey“ und diese ganze Hochglanzkacke. Kauft euch einfach „Tiffany Hot&Sexy“. Da geht es ziemlich zur Sache und hinterher wird geheiratet. 

 

2019 geht’s dann ja bestimmt auch wieder auf Tour – habt ihr da Rituale bevor ihr auf die Bühne geht?
Hehe ja. Es gibt ein Sektchen und wir küssen uns alle immer vorher. So richtig, mit nassen, schmatzenden Mündern. Wenn ihr das unbedingt mal sehen wollt, dann kommt doch am 13.04. in den Kellerklub nach Stuttgart.

Vielen Dank fürs Interview!

 

The tchik: bitchlifecrisis
vö: 01.02.

 

 

Fotos © Jonathan Göpfert