Titelstory: Anna Reusch

Lädst du sie einmal hinter deine Decks ein, lädst du sie immer wieder ein. Entschlossen, das Leben liebend und kompromisslos selbstständig bestreitet Anna Reusch ihren Weg zu kreativem Erfolg nach ihren eigenen Regeln.

Ihre Geschichte beginnt in Wiesbaden. Ihr Vater spielte in Bands und ermutigte Anna dazu Keyboards, Gitarren, Schlagzeug und sogar die Orgel auszuprobieren, aber nichts hielt ihre Aufmerksamkeit für länger. Das änderte sich jedoch in einer verhängnisvollen Nacht, die Annas Leben verändern sollte. Sie stand hinter dem DJ, als dieser sich aus dem Nichts heraus herumwirbelte, ihr seine Kopfhörer in die Hand drückte und ihr anwies: „Mach den nächsten Übergang, ich muss mal auf Toilette! “ Sie atmete einmal tief durch. Dann, gerade bevor sie den Schritt nach vorne gehen konnte um die Herausforderung anzunehmen, kam der DJ wieder lachend zurück. Er hatte Anna lediglich einen Streich gespielt. Dennoch veränderte dieser Moment Anna. Ihre selbstständige Seele verlangte, dass sie diese Herausforderung meistere.

 

 Interview: Franziska Wiedenhöfer
 FB: AnnaReuschMusic 

 

Man hört, du seist in einer schicksalhaften Nacht im Europalace einem Streich des Resident-DJs aufgesessen und dadurch motiviert worden, das DJ-Handwerk zu erlernen. Haben wir es nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass wir dich beim Kneipenfestival in der Lola begrüßen dürfen oder hast du damals heimlich den Traum gehegt, irgendwann einmal hinter den Decks zu stehen?
Tatsächlich war es ein glücklicher Zufall, denn mit 15 Jahren hegte ich damals noch andere Berufsvorstellungen oder „Hobbywünsche“. 

Nach deinem kometenhaften Aufstieg als jugendliche Nachwuchs-DJane hast du dem Nachtleben hinter den Decks (vorerst) den Rücken gekehrt und freiwillig wieder die Schulbank gedrückt. Die Faszination für den Techno hat dich aber trotzdem nicht losgelassen und du bist hinter das Mischpult zurückgekehrt. Was hat dich dazu bewegt, diese Entscheidung zu treffen?
Ich ging natürlich weiterhin aus und wie der Friseur wohl jedem auf die Haare schaut habe ich bei jedem DJ immer genau hingehört und mir von vermasselten Übergängen oder scheinbar unpassender Trackauswahl die Laune verderben lassen. „Ich kann das doch besser“ dachte ich oft übermütig und merkte damit, wie sehr es in meinen Fingern juckte. Es ist wohl wie beim reiten: einmal damit infiziert lässt einen der DJ-Virus nicht mehr los 🙂 

Du spielst Tech und Tech-House. Was macht deine Sounds einzigartig und unverwechselbar?
In den letzten Jahren hat sich meine Vorliebe zu etwas schnelleren, straighteren Tracks entwickelt – also wenn ich es heute strikt definieren müsste würde ich sagen, dass ich Techno spiele. Meine aktuelle EP ist deswegen auch klar richtungsweisend. Ich finde es aber schön, dass man mich nicht gleich in die 130 BPM-Schublade steckt, denn ich halte mir sehr gerne den Raum für musikalische Vielfalt offen. Wenn ich auf einem Festival mittags bei strahlendem Sonnenschein spiele, bevorzuge ich auch mal groovige, langsame oder melodiöse Sounds.
In einem kleinen Club am Ende einer rauschenden Nacht darf es dann auch mal ein schöner Klassiker auf 140 BPM sein. Ich passe mich sehr gerne der jeweiligen Stimmung an und gerade das liebe ich so an der elektronischen Musik. Es ist für jeden Moment etwas dabei. 

Bei deinen Gigs spürt man richtig die Energie, die du von deinem Platz hinter den Decks direkt auf das feiernde Publikum überträgst. Woher nimmst du die Power?
Ich spiele das was mir selbst gefällt – ausschließlich. Glücklicherweise ist mein Geschmack breit gefächert, sodass ich – wie oben erwähnt – in dem Rahmen mich auf den Moment anpasse, wenn ich es nicht schaffe die Zuhörer mit auf meine musikalische Reise zu nehmen. Wenn es auf einem Open Air beispielsweise anfängt zu regnen spiele ich eben nur „happy feelings“ Tracks. Aber eben nur welche zu denen ich auch tanzen würde, die etwas in mir bewegen. Deswegen habe ich selbst immer Spaß beim spielen und somit wohl auch die Energie. 

Wie steht es um die „Frauenquote“ am Mischpult? Wie schwierig ist es, sich als Frau in der Szene zu behaupten?
Mittlerweile empfinde ich es als gar nicht mehr schwer sich als Frau in der Szene zu behaupten. Sich als Frau aber so zu behaupten, dass man ernsthaft und bedingungslos dazugehört, nach wie vor. Viele der aktuell erfolgreichen Frauen werden mit „die ist aber erfolgreich auf Insta“, „die ist heiß“ oder „die gehört zu XY deswegen ist die auch cool“ beschrieben. Aussagen, die sich Frauen wie Nina Kraviz oder Monika Kruse z.B. nicht anhören müssen. Über sie hört man dann, dass sie künstlerisch total ausrasten oder einfach konstant gut spielen. Sie werden bedingungslos in ihrem Job akzeptiert. Aber deren Weg war auch sehr lang. 

Großes Festival oder kleiner Club – wie sieht der perfekte Gig für dich aus und was darf dabei auf keinen Fall fehlen?
Motivierte Mittänzer und ein gutes Soundsytem. 

 …es gibt vieles, was mich interessiert, aber eben nicht so in den Bann zieht wie es die elektronische Musik und deren Kultur es tut. 

 

Das Kneipenfestival bietet eine große musikalische Auswahl- es spielen u.a. die Farmer Boys und die Puento Latino Band – welches Konzert würdest du dir eher anschauen?
Beide natürlich – sonst würde ich doch meine oben angegebene musikalische Bandbreite widerlegen. 🙂 

Auf Instagram hast du gepostet, dass dich eine kleine Narbe am Knöchel an eine ausschweifende Nacht in der Lola erinnert. Wie kam es zu der Narbe und sind deine anderen Erinnerungen an die Lola weniger schmerzhaft?
Die Erinnerungen an die Lola sind alle super und die Narbe dient als Gedächtnisstütze. Ich spielte auf deren Open Air und die Treppe zur Bühne hoch bestand aus Bierkästen. Als ich nach meinem Set – zugegeben nicht mehr ganz nüchtern – hinunter ging, achtete ich nicht darauf, dass ich meinen Fuß mittig auf einen der Bierkästen stellte, sondern trat in die Mitte zweier. Das Klebeband riss und ich rutschte mit meinem Bein zwischen zwei Bierkästen runter und riss mir am Knöchel ordentlich die Haut auf. Aber die Lola wäre nicht die Lola wenn sie mich nicht sofort vorbildlich verarztet hätten. 

Siehst du dich auch noch in zehn, zwanzig Jahren hinter den Decks oder hast du bereits andere Pläne, die sich nicht hinter dem Mischpult abspielen werden?
Seit ich spiele, sage ich „wenn ich weiß was ich mal werden möchte, höre ich auf mit auflegen“. Also sobald ich meine Kopfhörer wegschmeiße, kann man mich das nochmal fragen. Ich weiß es wirklich nicht, es gibt vieles, was mich interessiert, aber eben nicht so in den Bann zieht wie es die elektronische Musik und deren Kultur es tut. Ich habe seit drei Jahren ein „Projekt“ mit dem Hofgut Zuhause. Dort leben einige Tierschutztiere und eine Renovierung jagt die nächste. Gerade die Arbeit mit und um die Tiere erdet sehr und schafft eine schöne Balance zum Nachtleben. 

Zum Abschluss die Frage nach deinen weiteren Plänen für 2019. Welche Projekte stehen an und wo kann man mit dir ordentlich abfeiern?
Gerade ist meine Atmosphere EP auf Tronic mit drei Tracks erschienen und ich hoffe, dass sie ihren Weg in viele Ohren dieser Welt finden wird. Ich möchte dieses Jahr unbedingt noch eine EP nachlegen, also steht wieder viel Studioarbeit an. Wer mit mir feiern möchte kann das in der tollen Lola tun oder aber z.B. beim World Club Dome, Homerun, Parookaville, Zuckerbrot&Peitsche oder Luft&Liebe Festival. Alle Dates gibts auf Facebook oder Insta.


 

ANNA REUSCH beim Kneipenfest
Sa 13.04. Die Lola, Aalen / 23 Uhr 

www.die-lola.de