Titelstory: Mine

Interview: Laura Kiwitt
www.minemusik.de 

Dass deutsche Popmusik in 90 Prozent der Fälle allzu gerne den einfachen Weg geht, dürfte ein hinreichend bekannter Umstand sein. Dass Mine es besser weiß und kann, ebenfalls. Die 33-Jährige hat das mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum aus dem Jahr 2014 und dem Nachfolger „Das Ziel ist im Weg“ zwei Jahre später alleine, aber immer wieder auch gemeinsam an der Seite von Künstlern wie den Orsons auf Songs und Bühnen eindrucksvoll bewiesen.

Vielleicht, weil Musik in ihrem Leben schon immer da war: Bei Gesangswettbewerben, im Musikunterricht oder dem anschließenden Studium in Mainz und Mannheim. Aufgewachsen ist die Musikerin in einem Dorf in der Nähe von Stuttgart, aktuell lebt sie in Berlin. So klassisch und konform sich dieser Werdegang auf dem Papier liest, so abseits von allem anderen ist das, was Mine in ihren Songs produziert, schreibt und macht. Mitte April veröffentlichte Mine ihr neues Album „Klebstoff“ – am 08.05. ist sie im clubCANN in Stuttgart live zu erleben! 

Hallo Mine – super, dass es mit dem Interview geklappt hat! Wo bist du im Moment?
Ich bin gerade im Auto und fahre von Kiel nach Hamburg – ich war heute schon bei Tagesschau 24 und hatte ein Interview bei einem Radio in Kiel. Jetzt fahre ich wieder zurück nach Hamburg, wo ich wieder ein Interview habe, und danach fahre ich wieder zurück und bin dann so um 2 Uhr Nachts wieder zurück in Berlin. 

Gerade befindest du dich inmitten der Promo für dein neues Album „Klebstoff“. Wird dir das nicht irgendwann zu viel – ständig Pressetermine, immer die gleichen Fragen?
Insgesamt ist es für jeden Menschen, der gerne Musik macht, anstrengender als alles andere. Ich persönlich habe voll viel Spaß am Musik machen und allem, was damit zusammenhängt, aber gerade in der Interview-Phase redest du halt 24 Stunden nur über dich selbst und das ist schon ein bisschen anstrengend. Ich schlafe wirklich nicht so viel und habe nicht viel frei, aber mein Label begleitet mich gerade ständig – das macht es dann etwas entspannter für mich! 

Bei mir sind es natürlich vor allem auch meine Eltern, da erkenne ich mich schon ziemlich viel wieder, auf positive sowie auf negative Weise.

 

Aufgewachsen bist du in der Nähe von Stuttgart – jetzt lebst du in Berlin. Was schätzt du besonders an der Stadt und hast du trotzdem öfter auch mal Heimweh?
Ich schätze an Berlin sehr, dass es dort ein großes Angebot gibt – man kann auf viele Konzerte gehen, sehr viele Künstler und Freunde von mir wohnen dort, das finde ich sehr schön. Aber es ist natürlich manchmal auch ein bisschen anstrengend, ich wohne tatsächlich mitten in der Stadt und dauernd ist dort Trubel! Was ich dann vermisse, ist die Ruhe. Das hängt gar nicht unbedingt speziell mit dem Süden zusammen, sondern eher, das es auf dem Land viel, viel ruhiger ist und man mehr runter kommt, besser schläft und so weiter. Das ist das, was mir dann fehlt! 

Standard Frage, aber: Was schätzt du besonders am Musik machen? War es von vornherein dein Plan, das hauptberuflich auszuüben?
Ich hatte eigentlich nie vor, Musikerin zu werden, das hat sich alles so entwickelt. Ich wollte auf jeden Fall was mit Musik machen. Bevor diese Entscheidung fest war, wollte ich was ganz anderes machen – ich wollte zuerst Lehramt studieren, habe aber dann die Aufnahmeprüfung nicht geschafft und habe mich dann kurzer Hand doch dazu entschlossen, Musik zu studieren. Zu dieser Zeit wollte ich nur Alben machen, die ich gut finde und die ich dann selbst rausbringe – das „Rausbringen“ an sich fand ich so cool! Aber dass ich damit jetzt so richtig mein Geld verdiene, habe ich eigentlich nie geplant, das hat sich langsam entwickelt. Freut mich natürlich auch, weil ich jetzt mehr Zeit für Musik habe, es war aber nicht von vornherein mein Plan. 

 

Dein bürgerlicher Name ist Jasmin. Stimmt es, dass „Mine“ ein Überbleibsel aus deiner Kindheit ist? Wie kam es zu dem Spitznamen?
Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wie es genau dazu kam – das war nur eine ganz kurze Zeit im Kindergarten und danach hat mich auch niemand mehr so genannt. Ich wollte nicht meinen ganzen Namen nennen, wollte aber auch nichts, was ganz weit weg von meinem echten Namen „Jasmin“ ist, und dann bin ich irgendwie auf  „Mine“ gekommen – ich glaube sogar beim Autofahren. 

Vielleicht kannst du nochmal kurz erklären: Warum der Album-Titel „Klebstoff“?
Ich habe den Song erst geschrieben, da hatte ich ungefähr 6 von 10 Songs insgesamt fertig, und da dachte ich, das ist ein super Überbegriff für das Album. Zudem mag ich das Wort auch sehr. Es ist ein sehr bildlicher Begriff, und gleichzeitig steht der Begriff auch dafür, womit ich mich bei dem Album beschäftigt habe. Ich bin so wie ich bin – Wo kommt das her? Wann ist mir das im Leben begegnet und warum ist es kleben geblieben? Das ist Klebstoff! 

Was wird an dir für immer „kleben“ bleiben?
Schon allein alle, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich glaube, je jünger man ist, desto mehr Einfluss hat das Umfeld auf einen. Bei mir sind es natürlich vor allem auch meine Eltern, da erkenne ich mich schon ziemlich viel wieder, auf positive sowie auf negative Weise. 

In deinem neuen Video zu diesem Titel standst du komplett in weiß gekleidet in der Fußgängerzone und hast dich von oben bis unten bekritzeln lassen. Wie entstand diese Idee und wie haben die Leute darauf reagiert?
Ich musste mir noch relativ kurzfristig eine Idee einfallen lassen, weil wir eigentlich einen anderen Plan hatten, der dann aber nicht funktioniert hat. Dann habe ich den Song ganz oft gehört und mir ist ein Video von einer Frau eingefallen, das ich im Internet gesehen habe – das war so eine Art Kunst-Aktion von einer Mutter von zwei Kindern, die hat sich in Unterwäsche auf die Straße gestellt mit der Bitte, aufzuschreiben, was die Leute an ihr schön finden. Diese Aktion fand ich einfach sehr beeindruckend, gerade in Zeiten von Instagram und der sehr oberflächlichen Hypes. Das kann man auch ganz gut auf die Klebstoff-Ebene beziehen und auf das Innere übertragen. So kam die Idee! Negative Erfahrungen habe ich so gut wie keine gesammelt, die Leute waren alle mega nett, viele sind natürlich auch einfach vorbei gelaufen und haben gesagt, „möchtegern-Intellektuelle“ oder so, das gab es schon. Aber die meisten waren echt sehr positiv und offen und haben mich von oben bis unten bekritzelt. Es waren auch viele echt emotionale Begegnungen dabei! 

Dein neues Album wird, im Vergleich zu den vorherigen, als „zugänglicher“ betitelt. Kannst du diese Meinung vertreten?
Ich kann das ehrlich gesagt gar nicht so richtig sagen, weil ich einfach viel zu nah an dem Ganzen dran bin. Ich habe da jetzt nicht absichtlich in eine andere Richtung gedacht. Ich hatte 2017 gemeinsam mit dem Rapper Fatoni ein Album gemacht, und das war insgesamt so ein bisschen direkter –  wahrscheinlich hat es diese Sichtweise auch mit beeinflusst. Ich selbst kann es, wie gesagt, gar nicht richtig beurteilen. Ich habe schon ab und zu mitbekommen, dass das Leute gesagt haben. Für mich ist es gar nicht unbedingt so, aber es freut mich natürlich, wenn andere sagen, dass das eine Weiterentwicklung ist. Ich merke natürlich schon auch, dass ich mich selbst weiterentwickelt habe – ich kann besser produzieren, weil ich das mittlerweile schon länger mache. Wäre auch schade, wenn das nicht so wäre! 

Ich bin so wie ich bin – Wo kommt das her? Wann ist mir das im Leben begegnet und warum ist es kleben geblieben? Das ist Klebstoff!

 

Wie sah der Entstehungsprozess aus?
Einen konkreten Plan hatte ich nicht, ich schreibe eigentlich immer so drauf los. Ich denke da nicht so strukturiert und nehme mir im Voraus vor, dass alle Songs zusammen passen müssen. Das entwickelt sich automatisch, gerade weil ich ja auch alleine schreibe, passt dann eh alles recht gut zusammen, weil ich mich thematisch immer mit ähnlichen Dingen auseinander setze. Wenn ich 1 1/2 Jahre an einem Album schreibe, sind das dann quasi die Gedanken von dieser Zeit, in der ich mich ja nicht um 180 Grad drehe.  

Der Titel „Vater“, aber auch andere Titel sind sehr persönlich – ist es nicht irgendwie komisch, diese Zeilen mit der gesamten Öffentlichkeit zu teilen?
Ja, ist es auch. Es ist total seltsam! Aber da lege ich selbst ja auch die Grenze fest, ich schreibe ja immer noch recht metaphorisch und habe keinem meine Geschichte privat erzählt. Ich übertrage das auch oft auf so allgemeine Situationen – bei dem Song „Vater“ ist es auch einfach so ein Generationen-Ding, was ich bei vielen Leuten in meinem unmittelbaren Umfeld auch beobachte und es war mir ein Bedürfnis, das auch mal runter zu schreiben. Ich habe mir aber tatsächlich auch überlegt, ob ich den Titel raus bringen soll, weil es halt eben so persönlich ist. Am Ende habe ich mir aber gedacht, eigentlich sage ich da nichts, wofür ich mich in irgend einer Weise schämen muss. Ich finde auch, dass es nicht zu weit geht, was die Privatsphäre angeht. Ich versuche es schon zu trennen, so gut wie es geht. 

Du nimmst bei deinen Alben immer mehr auch die Rolle der Produzentin ein. Warum?
Ich habe ja schon immer die Platten auch selbst mit produziert aber am Anfang hat man natürlich noch weniger Skills. Mittlerweile kann ich auch selbst schon einen Sound herstellen, den ich im Kopf habe, und muss hierfür nicht andere Leute mit ins Bot holen und deshalb habe ich viel mehr selber gemacht, als im vorherigen Album. 

Wenn du mal privat Musik hörst, was läuft dann?
Ganz, ganz viel. Ich höre total querbeet. Ich höre immer noch viel deutsch-Rap, aber weniger so Straßenrap sondern eher so unkommerzielle Sachen. Ich höre gerne auch Pop und Indie-Pop. Ab und an mag ich sogar klassische Musik – ich möchte mich da nicht so eingrenzen. Das einzige, was ich nicht so höre, ist Minimal, Electro und Heavy-Metal, das habe ich damals zwar viel gehört, da bin ich mittlerweile aber auch raus!

Dann mal noch in die Zukunft geschaut: Wie sehen so deine Pläne aus?
Musikalisch natürlich weiter schreiben, ich will auch noch mit einigen anderen Musikern zusammen arbeiten und ich könnte mir auch gut vorstellen, nochmal ein Kollabo-Projekt zu machen. Das habe ich bisher schon zwei Mal gemacht und darauf hätte ich auf jeden Fall nochmal Bock, in einem ein bisschen anderen Rahmen. So konkret geht es jetzt erst mal auf Tour und dann kommt ja der Festivalsommer. Danach wollen wir wahrscheinlich nochmal auf eine kleine Tour im Dezember gehen, aber das ist alles noch nicht so ganz sicher. Ich habe auf jeden Fall noch total viele Ideen, aber das möchte ich dann, glaube ich, erst erzählen, wenn es soweit ist! Sonst verspricht man irgendwas, und dann wird doch nix daraus. 🙂

Gibt es da irgend ein Festival, auf das du dich besonders freust?
Ich freue mich ehrlich gesagt auf alle! Besonders aber auf Stadt ohne Meer, Dockville und Deichbrand, das wird glaube ich ziemlich geil! 

Zum Abschluss: Wenn du einen Wunsch frei hättest, wäre das…
Ich glaube, ich würde mir tatsächlich wünschen, dass die Menschen weniger wütend aufeinander sind. Aber das ist halt auch immer so eine pauschale Aussage. Weltfrieden klingt immer so blöd, deshalb: Ich würde mir Gleichheit für alle wünschen!

 

 Mine:
 Klebstoff 

 

Bilder © Simon Hegenberg