Von Wegen Lisbeth

Angefangen hat alles etwa 2005: Ein paar Steglitzer Siebtklässler wünschen sich Instrumente zu Weihnachten. Im Hardcore-Punk lernen die fünf Bandmitglieder musikalisch laufen, wechseln dann zu synthetischen Nintendocore-Sounds, bevor Von Wegen Lisbeth schließlich beim Indiepop landet. 2016 wartet dann nicht nur mit dem Albumdebüt „Grande“, sondern auch mit einem Supportslot für die wohletablierten Element Of Crime auf. Besonders speziell ist dabei die Bühnenshow des Quintetts: Live wechselt man fortlaufend die Instrumente. 

Was klingt, wie die begehrteste Mailadresse der Klasse 11b, ist das zweite Album der Berliner Indie-Pop-Band und hört auf den einzigartigen Namen „sweetlilly93@hotmail.com“. Und wer Angst hatte, der einstige Geheimtipp sei nun im Mainstream angekommen, kann sich beruhigt zurücklehnen: Von Wegen Lisbeth bringen zwar mittlerweile problemlos die Konzerthallen von Kiel bis Freiburg zum Tanzen, klingen aber trotz Refrains, die einem wochenlang im Ohr bleiben, auch 2019 noch angenehm sperrig und dabei stets unverwechselbar. 

Im Interview haben wir mit Matze, dem Sänger der Band, gesprochen… 

 

 Interview: Laura Kiwitt
 www.vonwegenlisbeth.de 

 

 

Hallo Matze – Danke für deine Zeit! Was steckt eigentlich hinter dem Band-Namen?
Ich habe eigentlich gehofft, wir müssen diese Frage nie wieder beantworten! (lacht) Da steckt tatsächlich gar nichts dahinter, wir wollten einen Band-Namen, der wenig aussagt, deshalb haben wir ein paar Wörter aneinander gereiht, die eigentlich gar keinen Sinn ergeben. Das war reiner Zufall…

Anfänge als Schülerband, 2016 dann der große Durchbruch – habt ihr jemals damit gerechnet, so erfolgreich zu sein?
Wir haben damals davon geträumt, dass es mal irgendwann so werden könnte, aber damit gerechnet hat tatsächlich keiner von uns. Das kam ja nie so auf einen Schlag – du meintest, 2016 war unser großer Durchbruch – das haben wir gar nicht so empfunden. Es kam eher so stückweise immer mehr dazu und irgendwann wurde es so, wies jetzt ist. Wir hatten nie den Moment, „Jetzt ist es soweit!“ – das haben wir nie so empfunden. 

Wenn sich das nicht so entwickelt hätte, was würdet ihr dann machen?
Als Jugendlicher wollte ich immer Unterwasserforscher werden – das war relativ schnell erledigt. Wir haben nach der Schule alles mögliche angefangen, dann aber doch gemerkt, dass Musik mehr Bock macht und uns dazu entschieden, dass wir nur noch Musik machen und mal schauen, wie weit wir damit kommen. Es war nie unser Plan, Musiker zu werden und wir haben auch lange dafür gebraucht, das für uns zu akzeptieren. Wenn jemand fragt „Was machst du so?“ und dann kommt als Antwort „Ich bin Musiker.“ – daran mussten wir uns erst mal gewöhnen (lacht). Wir haben das nie so wahrgenommen, weil es eher immer ein Hobby war, das wir am liebsten gemacht haben. Dass es jetzt so gekommen ist, damit hätte keiner von uns gerechnet. 

Wenn jemand fragt „Was machst du so?“ und dann kommt als Antwort „Ich bin Musiker.“ – daran mussten wir uns erst mal gewöhnen. 

 

Gebürtig kommt ihr aus Steglitz und auch in euren Songtexten kommt die Stadt häufig vor. Was haltet ihr von dem Hauptstadt-Hype?
Ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen nervig. Aber bezogen auf die Musik – Ich denke, wenn wir in Wuppertal groß geworden wären, würden wir wahrscheinlich viel über Wuppertal singen. Das ist nicht so ein Berlin-Ding an sich, sondern einfach, weil wir hier geboren sind.  

Über die Jahre entwickelt man sich weiter und verändert sich auch in gewissen Hinsichten. Wie schafft ihr es, trotzdem noch gut miteinander auszukommen?
Ich denke, was man unbedingt machen muss, sind Pausen – also wirklich zu sagen, jetzt machen wir für 3 Wochen gar keine Musik. Das ist zwischen den Touren sehr wichtig, weil gerade da hängt man halt wirklich 24 Stunden aufeinander und bekommt irgendwann schon so einen kleinen Koller. Wir haben das bisher erstaunlich gut hinbekommen, ich denke, das liegt auch daran, dass wir uns schon seit Schulzeiten kennen und jeder so die Macken des anderen komplett verinnerlicht hat – jeder weiß, wie weit kann ich jetzt den anderen triezen und wann ist der Punkt überschritten. Generell läuft es also ganz gut, aber wir brauchen auch manchmal ein bisschen Abstand voneinander, das mussten wir aber auch erst lernen. 

Wie sind die Rollen innerhalb eurer Band verteilt? Gibt es eine strikte Aufteilung: Organisation, Texten, Interviews führen…?
So ein bisschen ja, jeder hat so über die Jahre seinen eigenen „Job-Bereich“ gefunden – meistens mache ich die Interviews, weil die Leute meistens den Sänger sprechen wollen, leider – da kann ich ja nix dagegen machen (lacht). Unser Bassist macht gerne auch ab und zu die Interviews mit, weil der gerne redet und das auch ganz gut kann. Unser Gitarrist kümmert sich um die ganzen Video-Geschichten und alles was visuell und mit Artwork zu tun hat – das machen wir bisher noch alles selbst. Robert kümmert sich um alles organisatorische, hat viele Excel-Tabellen und den Überblick über Zahlen und der Schlagzeuger kümmert sich um alles, was mit Technik zu tun hat – und davon ist ja auf Tour mit einer Band sehr, sehr viel. 

Seid ihr auch privat untrennbar oder macht da jeder sein eigenes Ding?
Also richtig lange schaffen wir es nie, uns nicht zu sehen, weil wir einfach gut befreundet sind. Aber jeder hat auch so ein bisschen seinen eigenen Freundeskreis inzwischen, wenn man mal Abstand von der Band haben will, chillt man eher mit den Leuten. Aber wir verbringen schon gerne auch so extrem viel Zeit miteinander.

Von Hardcore-Punk über Nintendocore-Sound bis hin zu Indiepop – könntet ihr euch vorstellen, euch in ein paar Jahren wieder in einem ganz anderen Stil zu finden?
Auf jeden Fall – ich hoffe es! Wobei, ich hoffe es nicht unbedingt, aber ich würde es schön finden, wenn wir uns musikalisch immer weiter entwickeln und nicht fünf Alben lang immer den gleichen Sound machen. Ich kann es mir auch nicht vorstellen – unser Musikgeschmack verändert sich ja auch mit den Jahren immer weiter und dann wird es sich sicher auch bei uns verändern, was wir feiern und dann schlussendlich auch machen.  

sweetlilly93@hotmail.com – ein ziemlich trashiger Album-Titel. Und dazu noch das Album Cover, das eine ziemlich zerstörte Garten-Szene zeigt. Wie kams dazu?
Wir hatten doch dieses Sushi-Lied und das hatte lange den Arbeitstitel lina23@hotmail.com. Dann haben wir es schlussendlich doch nicht so genannt, dachten aber, das ist eigentlich schon einer guter Titel, lass uns einfach das Album so nennen! Wir hatten früher halt alle so eine Hotmail-Adresse, bei uns war Hotmail so wie MSN, ICQ, das hatte irgendwie jeder – so ein Generationen-Ding einfach. Wegen des Covers – das hat sich unser Gitarrist alles überlegt. Ich würde jetzt nicht für ihn sprechen und da irgendwas reininterpretieren, was er gar nicht gemeint hat, der geht da immer sehr intuitiv ran. 

13 ziemlich textlastige und vielseitige Titel sind es auf dem neuen Album – wie lange habt ihr daran gearbeitet und wie sah der Prozess aus?
Im Studio waren wir drei Monate, gearbeitet haben wir natürlich wesentlich länger daran. Es gab ursprünglich mal den Plan, dass wir schon zwei Jahre nach dem letzten Album 2016 das neue rausbringen. Wir haben aber gemerkt, wir haben noch gar nicht genug Songs oder die, die wir haben, finden wir noch nicht gut genug. Wir hätten das so mega rauspressen müssen und wären damit glaube ich nicht happy geworden. Dann haben wir uns dazu entschlossen, dass wir uns mehr Zeit lassen und daran so lange arbeiten, bis wir alle happy damit sind. Es war schon ein ziemlicher Aufwand. Gerade beim ersten Album sagt man ja immer, du hast dein ganzes Leben lang Zeit, aber beim Zweiten hat man ja immer so einen gewissen Zeitdruck, dass das in dem und dem Zeitraum erscheinen muss. Das haben wir auf jeden Fall auch gespürt und davon wollten wir uns auch ein bisschen frei machen. 

Kinderglockenspiel, Triangel… Es ist keine Seltenheit, innerhalb eurer Titel ungewöhnliche Instrumente zu hören. Wie geht ihr das an? Durch Zufall hört ihr einen Ton und verwendet den dann später?
Ich glaube, angefangen hat das tatsächlich, weil wir damals so Gameboy-Mukke gemacht haben – und so Zeug aus dieser Zeit lag dann bei uns im Bandraum rum und das haben wir dann irgendwann wiederentdeckt. Zum Beispiel haben wir gemerkt: Das kleine 4 Euro Keyboard klingt ja eigentlich ganz geil, lass uns doch mal das benutzen. 

Das exotischste Instrument, das ihr jemals benutzt habt?
Vielleicht die Steel Drum – das klingt zwar crazy, ist aber eigentlich gar nicht so exotisch. Wir hatten mal so eine Tafel mit einem Magnetstift, da kam so ein Cyber-Sound raus – der klang aber richtig, richtig schlimm! Das haben wir mal für einen Song benutzt. Der Sound war uns dann aber selber irgendwann zu nervig und wir haben gesagt, ne, das können wir doch nicht machen.

Der Festivalsommer steht nun auch vor der Tür – gibt es ein Festival, auf das ihr euch besonders freut?
Ja, mehrere – auf das Kosmonaut freue mich dieses Jahr sehr, aber auch auf das Dockville, das wird beides richtig cool. 

Was war euer bestes Festival-Erlebnis bisher?
Für uns war so ein Kindheits-Traum, mal auf der Fusion zu spielen – Seit wir 15 Jahre alt waren, waren wir jedes Jahr auf dem Festival. Für uns war das immer so ein absoluter Herzenswunsch, da mal irgendwann zu spielen, und das haben wir dann vor drei Jahren zum ersten mal gemacht – da ist für uns ein richtiger Traum in Erfüllung gegangen. Das war natürlich sehr geil und wir werden es nie vergessen! 

Was läuft bei euch so privat für Musik, zum Beispiel im Tourbus?
Super unterschiedlich – deshalb streiten wir uns auch oft, wer jetzt die Musik reinmachen darf. Der eine hört lieber Hip Hop, der andere lieber Techno oder Indie. Wir können uns in diesem Bereich schwer auf eine Sache einigen. Ich höre am liebsten so Oldie-Kram und 80s. Es gibt in Berlin einen Radio-Sender, der spielt immer nur so 60er, 70er, 80er, das höre ich irgendwie schon mein ganzes Leben lang und damit bin ich auch groß geworden, weil das meine Mum auch immer gehört hat. Tatsächlich höre ich kaum neue Musik. Ich wurde letztens gefragt, was ich so an neuem Kram cool finde – und ich hab tatsächlich keine Ahnung! 

Werdet ihr auf der Straße schon von Fans kreischend in Empfang genommen?
Sehr, sehr selten und wenn dann auch nicht so kreischend unangenehm sondern eher so, „Hey, können wir mal ein Foto machen“. Aber selbst das ist mir super selten passiert. Wenn wir ein Konzert spielen oder auf Festivals sind, ist das schon ein bisschen was anderes. In Berlin werden wir auf der Straße bisher noch nicht einfach so angequatscht – zum Glück nicht! 

Euer bester Fan-Moment bisher?
Manchmal bekommen wir so extrem niedliche Fan-Geschenke. Als wir auf unserer ersten Tour waren, wo noch so 30 Leute höchstens zum Konzert kamen, hat uns eine einen Kuchen in Sushi-Form geschenkt – das war so ein Sushi-Kuchen und das erste Fan-Geschenk, das wir je bekommen haben. Da waren wir sehr gerührt! 

Von Wegen Lisbeth in 10 Jahren – immer noch als Band vereint oder seht ihr euch in der Zukunft vielleicht auch in anderen Bereichen?
Ich nicht – ich hoffe, wir machen in zehn Jahren immer noch Musik und ich kann mir absolut nicht vorstellen, in einem anderen Bereich tätig zu sein weil ich, glaube ich, in jedem anderen Bereich komplett unfähig bin. Deswegen hoffe ich, ich kann das noch so lange machen, wies nur geht! 

 

VON WEGEN LISBETH:
sweetlilly93@hotmail.com