Revolverheld

Unglaubliche dreizehn Jahre ist es schon wieder her, dass Revolverheld ihr Debütalbum veröffentlichten – der Beginn einer Bandkarriere, wie man sie besonders in Deutschland nicht mehr oft findet. Seitdem wurden vier Studioalben veröffentlicht, alle gingen in die Top Ten. Insgesamt hatten sie beeindruckende fünfzehn Singles in den Charts – davon kamen allein drei aus ihrem letzten Studio-Album „Immer in Bewegung“ direkt die Top Ten. 

„Zimmer mit Blick“ ist das mittlerweile fünfte Studioalbum der Band, das durch und durch eine Revolverheld-Platte geworden ist, aber vor frischen Perspektiven, unerwarteten Grooves und Sounds nur so strotzt. Mit Jakob von Revolverheld haben wir über das aktuelle Album, Konzert-Erlebnisse und vieles mehr gesprochen…

 

Interview: Louisa Heiss
www.revolverheld.de

 

Euer neues Studioalbum „Zimmer mit Blick“ ist seit 2018 draußen und der erste Track „Immer noch fühlen“ erzählt von Erinnerungen an alte Zeiten. Ist es immer noch dasselbe Gefühl, das ihr nach all den Jahren als Künstler habt, wenn ihr die Bühne betretet?
Davon handelt ja der Song – dass es das Schöne ist, dass diese ersten Momente, die man mal erlebt hat, immer mal wieder aufpoppen. Wir waren jetzt gerade erst auf großer Arena-Tour und hatten da tatsächlich jeden Abend immer wieder dieses Gefühl, wie es war, als wir das erste Mal zusammen auf der Bühne standen. Alles drum herum hat sich auf jeden Fall ganz schön verändert, aber dieses Gefühl, in dieser Kombination zusammen Musik zu machen, das ist auf jeden Fall immer noch das gleiche, auch nach 16, 17 Jahren.

Euer Album dreht sich um viele Themen: Es geht um Vergangenheit, um Liebe, um das Leben und darum, im Hier und Jetzt zu leben. Vor allem Songs, wie „Unsichtbar“ oder „Zimmer mit Blick“ behandeln gesellschaftskritische Themen. Seht ihr euch als Künstler in der Verantwortung, auch vor solchen brisanten Inhalten nicht die Augen zu verschließen und stattdessen Farbe zu bekennen?
Wir sind ja keine Anfang 20 mehr sondern eher Mitte, Ende 30. Da sind schon andere Themen interessant. Nils und Johannes haben beide schon Kinder, da verschieben sich die Prioritäten und so ein Song wie „Zimmer mit Blick“ wäre am Anfang gar nicht möglich gewesen, aber mittlerweile sind das schon  Themen, mit denen wir uns beschäftigen und uns auch in der Pflicht sehen, dazu was zu sagen. Wenn wir das Gefühl haben, dass irgendwas schief läuft, sehen wir uns in der Pflicht, auch dazu was zu sagen und darauf hinzuweisen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, aber einfach: „Hey, unserer Meinung nach funktioniert hier was nicht richtig, lasst doch einfach alle mal darüber nachdenken, ob man es nicht irgendwie besser machen kann.“

Eure Songtexte sind dafür bekannt, dass sie authentisch, nah am Leben und am Menschen sind – im Grund genommen kann sich jeder von uns in euren Texten wiederfinden. Gibt es eine Zeile, die ihr als besonders gelungen empfindet, auf die ihr besonders stolz seid und die euch einfach viel bedeutet?
Nee, du hast es ja schon richtig gesagt, irgendwie kann sich jeder da drin wiederfinden. Auch ich, der jetzt die Texte nicht schreibt – aber trotzdem bin ich natürlich Teil der Band und bevor irgendwas auf dem Album landet, sagt natürlich jeder bei uns in der Band „Sehe ich genau so, kann ich nachvollziehen, finde ich gut, lass uns das machen“. Da jetzt einen Song oder eine Zeile raus zu picken, wäre nicht gerecht, weil ich auch mit jedem Song irgendwas verbinde und deswegen funktioniert das nicht. Aber ist ja schön, wenn du sagst, dass sich jeder da doch irgendwie drin wiederfinden kann.

Johannes und Kris haben in Amsterdam und St.Peter-Ording Inspiration für euer neues Album gesammelt, wieso genau diese beiden Orte?
Es ging nicht zu 100% um Inspiration, sondern eher darum, dass man aus dem gewohnten Umfeld raus kommt und sich 100% auf das Musik machen und Songwriting konzentrieren kann. Wenn man zu Hause ist, ist man doch abgelenkt und darum ging es eigentlich: Den Alltag zu durchbrechen und sich voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren. 

Das ist ja das geile, dass kein Abend vorhersehbar ist, und kein Abend wie der andere. Und gerade das macht das Live-Erlebnis so besonders. 

 

Was ist die größte Veränderung auf dem neuen Album im Vergleich zu den Werken davor? Was war euch wichtig? Was musste gesagt werden? Was hat sich verändert?
So was wie „Zimmer mit Blick“, ein gesellschaftskritischer Song, das gab es früher noch nicht bei uns. „Unsichtbar“ ist ein Song über Glauben, nicht über Religion direkt, sondern über den Glauben im weitesten Sinne. Ist da irgendwas, das man nicht erklären kann? Auch solche Fragen gab es früher nicht so bei uns. Und wenn man sich das Ganze musikalisch anschaut, ist es schon so, dass wir nach dem Vorgänger, dem MTV-Unplugged-Album, einen etwas elektronischeren Weg eingeschlagen haben. Wir wollten gerne wieder richtige E-Gitarren haben – generell eine Weiterentwicklung in Form von Elektronik. Das macht das Album auf jeden Fall zu etwas Besonderem und schafft einen deutlichen Unterschied zum Vorgänger mit ausschließlich akustischen Instrumenten.

Ihr habt in euren knapp 15 Jahren schon viele Konzerte gespielt, aber was gefällt euch besser: in riesigen Arenen zu spielen oder in kleinen Clubs?
Das Gute ist ja, dass wir uns da nicht entscheiden müssen! Wir haben Anfang vergangenen Jahres, als das Album raus kam, eine kleine Club-Tour gespielt, um den Fans das neue Album so nah wie möglich zu präsentieren. Das hat unglaublich viel Spaß gemacht – quasi wieder dahin zurückzugehen, wo es angefangen hat: auf die kleinen Bühnen in den kleinen Clubs. Aber wir haben uns auch unglaublich auf die Arena-Tour gefreut, die jetzt vor knapp zwei Wochen vorbeigegangen ist. Das war schon eine große Nummer für uns – die allergrößte Tour, die wir je gespielt haben, mit unglaublich großer Produktion. Jetzt kommen die Open Airs und auch das ist noch mal eine ganz besondere Geschichte. Das ist eben das Tolle an unserem Beruf, der sich meistens gar nicht nach einem anfühlt.

Kein Konzert ist wahrscheinlich wie das andere. Auch das Publikum reagiert sicherlich immer unterschiedlich auf den einzelnen Shows. Doch wie geht ihr mit unvorhersehbaren Ereignissen oder Vorkommnissen auf den Konzerten um?
Das ist ja das geile, dass kein Abend vorhersehbar ist, und kein Abend wie der andere. Und gerade das macht das Live-Erlebnis so besonders. Wir versuchen auch immer, das Publikum mit einzubeziehen und auf genau solche Momente zu reagieren. Das ist nicht planbar, aber genau das macht für mich das Live-Erlebnis aus. Wir gehen sehr locker damit um. Ich persönlich mag solche Konzerte nicht so gern, wo einfach die Songs gespielt werden und keine Ansagen oder Kommunikation mit dem Publikum da ist. Und dann fährt die Band wieder nach Hause und man denkt sich: Das hätte ich mir jetzt auch zu Hause auf CD anhören können. Deswegen bin ich sehr dankbar, dass wir ein sehr nettes, kommunikatives Publikum haben und dass jeden Abend irgendwas zwischen Publikum und uns entsteht.

Künstler haben unterschiedlichste Rituale vor ihren Auftritten. Manche zelebrieren noch bestimmte Aktionen, bevor es auf die Bühne geht. Andere müssen kurz davor unbedingt alleine sein, um sich zu sammeln – wie sieht das bei euch aus? Hat sich da auch ein bestimmtes Ritual eingeschlichen?
Ja, wir haben eigentlich von Anfang an so ein klassisches Ritual, dass wir uns vor der Show in so einem „Fußballerkreis“ ein bisschen zusprechen und uns auf die Show quasi vorbereiten und dann geht es los. Das ist auch ein bestimmter Ablauf, der nie anders ablaufen darf, sonst könnte ja was schief laufen.

Am 29.06. kommt Ihr nach Künzelsau aufs Würth Open Air, wo ihr bereits schon 2008 zu Gast wart. Welche Erinnerungen sind euch im Kopf geblieben?
Ich hab nochmal überlegt – 2008 war die Fußball-EM und wir hatten ja 2008 den offiziellen Nationalmannschaft-Fußballsong, deswegen stand dieser Sommer unter dem Namen Fußballeuropameisterschaft und ich glaube, das war auch in Würth so, dass wir da kurz vor oder nach einem entscheidenden Spiel gespielt haben. Das ging, in meiner Erinnerung, auch gut aus und die Stimmung war auf jeden Fall sehr euphorisch. Ich bin mal gespannt, ob das jetzt auch ohne EM so wird, aber ich bin frohen Mutes, dass das wieder so wird.

Welchen Song werdet ihr beim Würth Open Air auf jeden Fall spielen und warum?
Eigentlich will ich ja jetzt nicht so viel verraten. Wir werden auf jeden Fall unsere aktuelle Single „So wie jetzt“ spielen, ein Song, der ein bisschen davon handelt, dass man sich eigentlich glücklich schätzen soll, dass wir hier bei uns so viele Möglichkeiten haben und uns nicht immer beklagen sollten.

Warum sollte man sich diesen Auftritt nicht entgehen lassen?
Ich habe es ja vorhin schon mal kurz erwähnt, man weiß bei uns nicht zu 100%, was passiert, aber es ist immer ein großer Spaß. Wir versuchen in der Regel, das Publikum mit einzubeziehen. Was die Songs angeht, werden wir eine bunte Mischung aus den mittlerweile 16/17 Jahren Bandgeschichte spielen und da ist immer für jeden etwas dabei. Ich habe, wie gesagt, das Publikum bei euch auch in bester Erinnerung, deswegen steht einem großartigen Abend nichts im Wege!

Worauf freut ihr euch am meisten, wenn ihr mal wieder im Süden Deutschlands seid? Und das Wichtigste: Was haltet ihr als „Fischköpfe“ von uns Schwaben?
Wir sind so viel unterwegs und ich halte eigentlich von dem Klischee, das irgendwo jemand so oder so ist, nicht so viel. Ich persönlich habe bei euch im Süden relativ viele Verwandte. Mein Vater ist in Heidelberg geboren, deswegen freue ich mich auf jeden Fall, ein paar meiner Verwandten wiederzusehen. Die Erinnerungen an das Würth Open Air, bei dem wir 2008 bereits zu Gast waren, sind jedenfalls sehr gut – deswegen habe ich große Erwartungen und bin frohen Mutes, dass das auf jeden Fall ein großartiger Abend wird.

Passend zum Inhalt von „Zimmer mit Blick“ seid ihr WWF-Botschafter und kämpft gegen Plastikmüll. Was bedeutet Umweltschutz für euch? Was tut ihr selbst auch privat für euren ökologischen Fußabdruck?
Wenn man in so ner Position ist, dass einem zum Glück viele Leute zuhören, sollte man das für gute Sachen nutzen. Und WWF ist da auf jeden Fall ein Partner, mit dem wir das gut machen können. Die Vermüllung der Ozeane mit Plastikmüll ist ja allgegenwärtig und nicht so, dass das mal kurz so ein Trend ist, sondern ein Thema, das über die letzten Jahrzehnte entstanden ist und uns auch die nächsten Jahrzehnte begleiten wird. Und damit das im Ansatz in den Griff zu kriegen ist, sollte jeder seinen Teil dazu beitragen, und darauf weisen wir hin, damit es mit kleinen Mitteln einzudämmen ist. Jeder kann zum Einkaufen zum Beispiel seine Jutetasche mitbringen, man kann darauf achten, dass man sein Gemüse eher beim Obsthändler um die Ecke kauft und nicht das drei mal verpackte im Supermarkt. Wir haben gerade auf unserem Instagram-Account eine Plastic-free-challenge, wo wir versuchen, jetzt 1 Woche lang, so gut es geht, auf Plastik zu verzichten und da stößt man schon auf schwierige Situationen, weil einfach manchmal von Leuten nicht mit gedacht wird und genau darauf versuchen wir, hinzuweisen.

Ob er nun eher ins Genre Drama oder Komödie passt – das ist bei beim Film „Dieses bescheuerte Herz“ wohl nicht so einfach festzulegen. Er erzählt die herzzerreißende Geschichte zwischen dem Partylöwen Lenny und dem Herzpatienten David. Wie fühlt es sich an, den Titelsong für einen so bewegenden Film geschrieben zu haben?
Es hat uns sehr gefreut, als die Anfrage kam, zumal wir ja den Daniel, also den richtigen Daniel im wahren Leben, das ist ja eine wahre Geschichte, auch kennen. Der hat vor einigen Jahren mal angefragt, ob er nicht mal Backstage kommen kann, weil er mal eine Band Backstage kennenlernen wollte und so hat sich das ergeben. Als vor mittlerweile 2 Jahren die Anfrage kam „Hey, wir verfilmen das ganze, habt ihr nicht Lust, den Titelsong dazu beizutragen?“, war für uns klar, dass wir das machen, da wir ja auch einen persönlichen Bezug dazu haben. Wir haben uns auch gefreut, als Daniel und seine Mutter, als sie den Song das erste Mal gehört haben, gesagt haben „Ja super, da finden wir uns total drin wieder, das habt ihr gut gemacht.“ Das ist dann natürlich ein großes Kompliment!

Revolverheld:
Zimmer mit Blick 

 


 

 Live: Würth Open Air
 Sa 30.06. Carmen Würth Forum, Künzelsau / 18 Uhr
 www.revolverheld-tickets.de 

 


 

 

Revolverheld © Benedikt Schnermann