Titelstory: Trettmann

 Interview: Laura Kiwitt
 www.trettmann.de 

 

Trettmann, groß geworden in Karl-Marx-Stadt, hat die erstaunlichste Geschichte der jüngeren Popvergangenheit geschrieben. Sie ist oft erzählt worden, meistens als modernes Märchen: Der Junge aus der Platte, der unbeirrt seiner Berufung folgt und nach drei Jahrzehnten des Musikmachens plötzlich zum heißesten Ding im Deutschrap aufsteigt. Er schafft es auf Platz eins der deutschen Singlecharts, spielt auf den ganz großen Bühnen, gewinnt beim Preis für Popkultur in gleich allen drei wichtigsten Kategorien. 

Mit 45 Jahren gehört er zu den ältesten aktiven Musikern der Szene. Mit einem selbstbetitelten Album meldet sich der Leipziger nun im Dienst als Lieblingssänger der Nation zurück. In vielerlei Hinsicht ist es ein typisches zweites Album geworden: Die Vorzeichen haben sich geändert, aber der Modus ist derselbe geblieben. Wieder hat sich Trettmann mit seinem Produzententeam KitschKrieg im Studio in Berlin-Kreuzberg verschanzt, um Leben in Lieder zu verwandeln. Wieder war der Anspruch maximaler Minimalismus. Jedes Wort malt ein Bild, jeder Beat ballert, reduziert auf die Essenz: Bass und Drums und Liebe. Ein Team, elf Songs, ein Film. Immer noch DIY. Aber auf einem neuen Level.

Hi Tretti! Super, dass es so spontan geklappt hat. Der Festival-Sommer ist für dich jetzt beinahe zu Ende – dein absolut bester und negativster Moment bisher?
Es gab beide Momente während eines Konzerts! Ich war Closing Act auf dem Frauenfeld Festival. Bei dem dritten Song fiel während der ersten Strophe die Soundkarte aus – richtig schlimm! Das Schöne daran war: Die Leute haben die Strophe zu Ende gesungen. Es war einfach toll, zu sehen, dass die Leute einfach weitergemacht haben, als wäre nichts passiert – das war voll sympathisch! Das Schlimme daran war: Danach waren alle Einstellungen anders als zuvor und ich hatte mega die Probleme damit, mich selbst zu hören. Die restliche Show habe ich die Töne mehr oder weniger nur geraten. Ich bin dort wirklich tausend Tode gestorben. Es ist halt einfach ein riesiges Festival und ich war der letzte Act. Ich wusste das sehr zu schätzen, um diese Zeit auf der großen Bühne zu spielen. Das war bisher der schlimmste und der schönste Moment zugleich! 

Die letzten Jahre ging es ziemlich steil bergauf – Platz eins der deutschen Singlecharts und gleich mehrere Auszeichnungen. Hast du vor 10 Jahren damit gerechnet?
Nicht wirklich. Zu dieser Zeit habe ich deutsche Dancehall-Musik gemacht, die zu diesem Zeitpunkt in den deutschen Charts noch gar nicht stattgefunden hat. Insofern habe ich noch nicht einmal damit geliebäugelt – das war so weit weg und eben die Nische der Nischen überhaupt. Dieser große Erfolg kam damals also noch gar nicht in Frage. 

Gibt’s etwas, das sich seitdem grundlegend verändert hat? Was, denkst du, wird immer gleich bleiben?
Es hat sich viel verändert – mit dem Erfolg lebt es sich zum Teil schon auch leichter. Man hat keinen Struggle mehr mit der Miete und ähnlichen Dingen. Auch der Sound hat sich verändert – ich arbeite mit meinem Team von KitschKrieg zusammen, mit dem ich voll happy bin. Ich hoffe, was immer gleich bleibt, ist die harmonische und erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Team und dass die Liebe zur Musik konstant bleibt. Es sollte nicht irgendwann nur zu einem Job werden, in dem man unhappy ist. 

Auf deinem neuen Album rappst du: „Ich tu das, was mich happy macht.“ Gab’s für dich jemals eine Alternative zur Musik?
Musik war immer da – also auch zu Zeiten, wo ich kein Geld damit verdient habe, war es für mich immer die schönste Nebensache der Welt. Dann war ich zum Beispiel als Veranstalter, DJ oder Shouter tätig, aber ich konnte irgendwie nie in diesen zwei Welten – normaler Job und Musik nebenher – existieren. Ich musste irgendwas canceln, um meiner Berufung als Musiker nachgehen zu können, egal, was das war… Das war auch die notwendige Konsequenz dafür, um Musik jetzt so ernsthaft zu betreiben und um heute da zu sein, wo ich bin. Es gab also nie eine Alternative für mich – ich habe auch nie eine Ausbildung oder ein Studium gemacht. Das wiederum ist auch der Wende-Zeit geschuldet –  ich war 16, als die Mauer fiel und mit einem Mal war halt alles anders. Dieser vorgeebnete Weg, wie Berufsausbildung, Armee und Studium, fiel auf einmal weg. Dann hatte ich halt die Qual der Wahl. Alles war möglich und ich habe mich dazu entschieden, erst mal zu reisen. Das bereue ich auch bis heute nicht! 

Zu meinen Hip-Hop- und Breakdance- Zeiten in der DDR haben wir drei Streifen auf unsere Jacken genäht, um Adidas zu imitieren. 

 

Dein verrücktester Job bisher, abgesehen von der Musik?
LOL! Verrückt weiß ich nicht… Ich habe zum Beispiel nach dem Zivildienst, den ich in einer geschlossenen Abteilung in der Nervenheilanstalt gemacht habe, im Hospiz gearbeitet. Ich glaube, mein verrücktester Job war im Rahmen einer sogenannten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Ich musste von Leipzig aus um 5:30 Uhr ins Umland fahren, um dort vormittags Soja zu pflücken. Nachmittags saß ich dann in einer Runde mit ehemaligen Häftlingen und geistig kranken Menschen. Wir mussten die Sojabohnen aus den Schalen herauslesen. Ich glaube, das war der krasseste Job, den ich jemals gemacht habe!

Ich habe die Definition „Trettmann ist Soulmusik unter den Vorzeichen von Trap und Streaming“ gefunden. Aus deiner Sicht: Was macht deine Musik, besonders in Bezug auf dein aktuelles Album, einzigartig?
Ich denke, die Zusammenarbeit mit KitschKrieg macht meinen Sound auf jeden Fall einzigartig. Das Schöne daran ist, dass wir alle denselben Background mit Soul, R’n’B und Hip-Hop haben und auf verschiedenen Umwegen auf Dancehall und Reggae gekommen sind. Die einen haben das über den UK-Sound entdeckt, ich bin direkt nach Jamaika geflogen – das eint uns! Unser Sound hat bis heute all diese Einflüsse – die stecken da immer noch drin und sind auch auf dem neuen Album hörbar: von R’n’B-Balladen bis hin zu Dancehall-, UK- und Two-Step-Sound. 

Was unterscheidet dich von anderen, gerade angesagten, deutschsprachigen Künstlern in diesem Genre?
Ich denke, der Hang zu einem gewissen Minimalismus unterscheidet uns auf jeden Fall von anderen. Gerade bei dem KitschKrieg-Beat und auch bei meiner Sprache hört man das ganz besonders. Ich habe einen Weg gefunden, meine Sprache zu abstrahieren und sehr einfach runterzubrechen. Es geht darum, Emotionen in wenige Worte verpacken zu können und eben sehr viel mit wenigen Worten sagen zu können.  

Das neue Album ist wieder nach dem DIY-Prinzip in Zusammenarbeit mit dem Berliner Kollektiv KitschKrieg entstanden, alles stammt also aus einer Hand. Was schätzt du am meisten daran?
Cool finde ich daran besonders, dass es bei uns nie anders war. Wir hatten nie die Möglichkeit, sehr viel Geld in die Produktion reinzupumpen. Wir kommen alle aus diesem Soundsystem-Ding – das heißt, wir haben früher alle unsere Klamotten selbst genäht. Zu meinen Hip-Hop- und Breakdance-Zeiten in der DDR haben wir drei Streifen auf unsere Jacken genäht, um Adidas zu imitieren. Das ging dann halt so weiter, dass man seine Mixtapes und Cover selbst gemacht hat, diese selbst kopiert und unter die Leute gebracht hat. Auch die Partys wurden selbst organisiert. Das war bei uns allen einfach der Alltag und das hat uns vieles erleichtert. Bis heute können wir mit wenig viel machen. Deshalb auch bis heute die Minimalisierung: Zum Beispiel im Visuellen ist alles schwarz-weiß oder die Art und Weise, wie wir unsere Videos drehen. Das Schöne daran ist auch, dass man sein eigener Regisseur ist und nicht abhängig vom Gutheißen Anderer. Man kann sich so am besten selbst verwirklichen und das auf die Bühne bringen. 

Dein Highlight während der Produktionszeit?
Ich glaube, der Song über meine Tochter ist ein Highlight, weil: an einem Tag geschrieben und an einem Tag aufgenommen. Das ist zwar mehrmals bei diesem Album passiert, dass man relativ schnell etwas hatte, aber bei diesem Song ist es irgendwie besonders. 

KitschKrieg bezeichnest du auch als deine Fam – es wirkt sehr harmonisch. Wenn man so eng zusammenarbeitet, gibt’s bestimmt auch mal Beef. Welche Schwierigkeiten musstet ihr zuletzt überwinden?
Wir sind grundsätzlich ein harmonisches Team. Klar gibt es Momente, wo man sich nicht so gerne mag, gerade bei Meinungsverschiedenheiten oder wenn der eine mit dem anderen unzufrieden ist, aber irgendwie schaffen wir es immer, das Positive in den Vordergrund zu stellen. Man verbringt jetzt schon so viele Jahre eng miteinander, dass man sich natürlich auch mal hasst, um sich danach wieder zu lieben. Das ist wie in jeder Beziehung und muss auch so sein, dass man ehrlich miteinander ist und sich nicht nur mit Ja-Sagern umgibt – das macht es auch aus! 

Wie viel Zeit habt ihr euch für die Produktion des Albums genommen? Lief das nach einem festen Plan ab oder eher intuitiv?
Es ist so ein Mix aus allem. Es gab verschiedene Writing-Sessions, wo es stringent darum ging, Songs zu schreiben. Nach dem letzten Album sind jetzt zwei Jahre ins Land gegangen. Es gab schon zur Fertigstellung des letzten Albums Songs, die existiert haben, wovon ein bis zwei auch auf dem neuen Album gelandet sind. Immer wenn ich eine gute Idee oder Line habe, tippe ich die sofort in mein Smartphone oder singe sie ein. Es ist aber nicht so, dass wir jetzt jeden Tag im Studio gehangen sind und die ganze Zeit durchgearbeitet haben. Man darf nicht vergessen: KitschKrieg arbeiten ja auch noch mit anderen Künstlern zusammen.  

Gibt es etwas, dass du als Ausgleich machst?
Nö, nicht wirklich. Ich gehe gerne aus – konsequent Raven! Sonst dreht sich momentan alles um die Musik, abgesehen von ein paar Aufenthalten in der Karibik. Alles ist so dicht gesteckt, dass ich es gar nicht schaffe, mir eine andere Beschäftigung oder ein Hobby zu suchen. Zusätzlich zur Musik bin ich mit meiner Tochter beschäftigt genug, sie braucht auch ihren Papa.

Ab November bist du dann ja wieder auf Tour mit deinem neuen Album. Auf was freust du dich besonders?
Ich bin jetzt ja schon mit den alten Songs drei Jahre unterwegs und singe das Zeug immer noch gerne. Trotz allem freue ich mich darauf, die neue Musik unter die Leute zu bringen. Ich freue mich auch auf die neue Show und vor allem die Tour – das hat immer so was ganz Eigenes und Persönliches, hauptsächlich wegen meinen Fans. Es war krass, als das letzte Album rauskam, war gerade der erste Tour-Tag und von Tag zu Tag sind die Texte immer tiefer gesickert und die Crowd hat immer mehr mitgesungen. Das ist halt was anderes im Vergleich zu Solo-Konzerten und Festivals, wo du dann halt vor einer mixed Crowd spielst. 

Was feierst du mehr: 50 oder 50.000 Zuschauer?
Früher hätte ich wahrscheinlich gesagt: Geil, 50 Leute! Inzwischen habe ich mich auch an viele Leute gewöhnt. Insofern wähle ich die 50.000! 

Deine wichtigsten Utensilien während der Tour?
Natürlich Dinge, die man so unmittelbar braucht, wie zum Beispiel meine weißen Sneakers, mein Bandana und meine Cap! 

Man kennt dich nur mit Cap und Sonnenbrille – ist das so eine Art Arbeitskluft für dich oder begegnet man dir auch privat so?
Nö, das ist mein Style auf der Bühne! Das ist halt der Vorteil daran: Mich erkennen die Leute gar nicht ohne Cap und Brille – ich kann da schön ins Nachtleben springen, und keiner weiß, wer ich bin. 

Thema Alter: Was ist für dich das Schöne an deinem „späten“ Durchbruch?
Das Schöne ist halt, dass es passiert, ohne dass man damit gerechnet hat oder wusste, dass das passieren wird. Ich glaube, ich kann es heute viel, viel mehr genießen, weil ich auch die Zeiten des Struggles und der Entbehrungen durchgemacht habe, wie zum Beispiel die Miete nicht bezahlen zu können. Vielleicht ist es auch ganz gut, wenn man eine gewisse Reife hat und früher war ich definitiv noch nicht so weit. 

Wenn du privat Musik hörst, was läuft dann so? Dein Lieblings-Track gerade?
„POLO“ von Hotfrass & Takeova könnte ich stundenlang Schleife hören! 

 

Trettmann: Trettmann
VÖ: 13.09. 

 

 

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