Fabian Römer

 Interview: Laura Kiwitt
 www.fabianroemer.com 

 

Fabian Römer ist zurück. Vier Jahre sind seit seinem letzten Album „Kalenderblätter“ vergangen. Wer meint, der Stillstand hätte ihn geplagt, der irrt gewaltig. Er hat für andere Künstler geschrieben, befreiend, weil es dabei nicht um ihn selbst geht. Nun aber wieder zurück im eigenen Tunnel: Das Album „L_BENSLAUF“ mit 15 Songs erscheint bei Jive Germany.

Den roten Faden, der sich subtil durchs Album zieht, hat der Musiker erst spät bemerkt. Damit ist er sich selbst irgendwie auf die Schliche gekommen, sagt er jetzt. Drei Skits, die er an den Anfang, in die Mitte und an das Ende gesetzt hat, beschreiben den Kern vielleicht am markantesten: Ankommen, das Wo und das Wie. Lyrisch erzählt er, ohne pathetisch zu werden, von surrealen und doch lebensnahen Bildwelten. Durch „L_BENSLAUF“ hinweg reflektiert Fabian Römer metaphorisch, was ihn zu dem Menschen und dem Mann gemacht hat, der er heute ist und auch, wie er mal war.

 

 

Hi Fabian – freut mich! In deinem aktuellen Song „Keine Antwort“ rappst du: „Keinen Bock mehr, Interviews zu geben“. Ich hoffe, ganz so schlimm ist’s nicht?! Was magst du daran nicht?
Meistens nervt mich am meisten die Kamera, deshalb: Bezieht das bitte nicht auf euch! (lacht) Das fühlt sich für mich oft ein bisschen unnatürlich an, auch wegen dem dritten Auge der Kamera und weil ich eigentlich eher ein Mensch bin, der ungern den größten Gesprächsanteil hat. Ich höre auch einfach gerne mal zu. Bei Interviews ist es ja meistens so, dass man selbst den größten Gesprächsanteil hat und sich selten wirklich ein Gespräch ergibt – deshalb bin ich bislang nie der riesige Interview-Fan gewesen. 

Vier Jahre sind seit deinem letzten Album vergangen. Wie lang hast du dir fürs neue Album Zeit genommen und was hast du sonst so die vergangenen Jahre gemacht?
Das Album läuft immer parallel mit – ich habe vielleicht die ersten zwei dieser vier Jahre viel Songwriting auf anderen Hochzeiten betrieben, aber trotzdem sammelt man natürlich die ganze Zeit für sich selbst weiter Ideen und Eindrücke und irgendwann hat man dann mal wieder das Gefühl, man muss das selbst wieder zu Papier bringen und in den eigenen Tunnel gehen. 2018 war dann für mich ein komplettes Nerd-Jahr, in dem ich dann ins eigene Album abgetaucht bin.

In Braunschweig wurdest du noch vor Einsetzen deines Stimmbruchs als F. R. bekannt. Oft habe ich in anderen Interviews gelesen, du hasst F. R.. Warum eigentlich?
Ich glaube, gehasst war eine ordentliche Übertreibung von mir – und wenn ich es so gesagt habe, dann war immer nur der Name gemeint. Im Endeffekt ist es natürlich so, dass an diesem Namen sehr viele Altlasten haften. Ich habe mir den schon mit 12, 13 Jahren in so einer Online-Battle-Plattform gegeben, wo ich einfach einen Nickname gebraucht habe. Damals habe ich einfach meine Initialen genommen, und dachte, das klingt cooler, wenn ich die englisch ausspreche und irgendwann dann als 20-Jähriger denkt man: Jetzt ist es mal an der Zeit für einen Wechsel. Das Gute wiederum an dem alten Namen war, dass man den einfach ausschreiben konnte – also war es an sich jetzt kein riesiger Namenswechsel.

Könntest du dir vorstellen, dass sich der Name noch mal irgendwann ändert, oder soll’s jetzt dabei bleiben?
Hm, ich glaube, da sollte man niemals nie sagen. Gerade fühle ich mich ganz wohl damit, aber wer weiß … Ich schließe es nicht aus! 

Wie sahen zur damaligen Zeit die Erwartungen an deinen Lebenslauf aus? Welche Pläne hattest du für deine Zukunft – dachtest du, es läuft genau so, wie es jetzt gekommen ist?
Eigentlich hat sich das so ergeben. Ich habe nie die bewusste Entscheidung getroffen: Jetzt werde ich Berufsmusiker! Im Endeffekt ist es einfach so gekommen und ich habe gemerkt: Krass, jetzt habe ich die letzten Monate davon meine Miete bezahlt und des läuft ja einigermaßen o. k.! Und dann war man irgendwie auf einmal Musiker. Ich bin sehr dankbar dafür, dass mir diese Leidenschaft so zugeflogen ist, weil ich sonst vermutlich auch jemand gewesen wäre, der einfach irgendwas studiert hätte, von dem er gedacht hat, dass er da in der Schule ganz gut war. So einen richtigen Plan B hätte ich, glaube ich, nicht gehabt. 

Was wäre das dann gewesen?
Wahrscheinlich irgendwas Sprachliches – bestimmt wäre ich der schlechteste Deutschlehrer der Welt geworden! Aber das ist eine sehr finstere Vorstellung. 

Ein zentrales Thema deines neuen Albums ist auch das Ankommen im Hier und Jetzt. Würdest du sagen, du bist gerade in deiner Wahlheimat Berlin so richtig angekommen?
Es ist ganz schwer zu sagen, weil Ankommen für mich immer so ein schwammiger Begriff ist. Ich glaube, dass man die ganze Zeit auf einer Reise ist, auch wenn man sich für eine ganze Zeit lang irgendwo wohlfühlt. Selbst wenn man dieses Klischee erfüllt hat, mit zwei Kindern, Haus, Garten und Hund und sich total wohlfühlt, geht die innere Reise ja trotzdem immer irgendwie weiter. Deshalb hat Ankommen ja auch immer so ein bisschen was langweiliges. Weil man ja trotzdem nicht irgendwo bleiben will – stehenbleiben will.  Ich würde schon sagen, dass ich mich hier sehr wohlfühle. Das war auch von vornherein so. Ich wohne jetzt hier schon seit fast 10 Jahren – das ist für mich auch völlig verrückt, weil’s mir gar nicht so vorkommt. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass sich das wieder irgendwann ändert und es mich dann woanders hinzieht.

Was magst du besonders an der Stadt?
Schon so dieses Freiheitsgefühl – ich komme aus Braunschweig, das hat so ungefähr 250.000 Einwohner; es ist kein Dorf, aber auch keine wirkliche Großstadt. Ich finde an Berlin besonders gut, dass man einfach im Jogginganzug in den Supermarkt gehen kann und das ist einfach völlig egal. Es laufen hier so viele Weirdos rum, dass man auf jeden Fall zumindest nicht der Komischste von allen ist, egal, wie man rumläuft. Und das ist ein gutes Gefühl und befreit einen sehr. Die Anonymität, die andere ja auch so ein bisschen verteufeln, finde ich hier richtig gut. 

Deine Lieblingslocations dort?
Alle möglichen Parks und Wiesen – selbst nach 10 Jahren habe ich das Gefühl, ich kenne Berlin noch nicht wirklich und entdecke immer wieder irgendwelche kleinen, schönen Orte. 

Da bin ich schon sehr der typische von-einem-Tag-in-den-anderen-leben-
Mensch. Ich fahre damit für mich persönlich auch ganz gut. 

 

Ab Oktober steht deine „Lebenslauf-Tour“ an, am 25.10. sogar in Stuggi. Auf was freust du dich besonders?
Ich freue mich einfach darauf, wieder auf der Bühne zu stehen und die Songs in einem anderen Gewand zu präsentieren. Der Sound ist schon immer sehr angelehnt daran, wie es auf dem Album klingt, aber trotzdem ist es ja noch mal ein ganz anderes Gefühl, die Songs live mit der Band im Rücken zu spielen. Da habe ich schon große Lust drauf, einfach auch aufs Spielen an sich und natürlich auch auf das direkte Feedback!

Du bist schon seit über 15 Jahren auf der Bühne – bist du vor Shows überhaupt noch aufgeregt?
Ja schon, Adrenalin gehört dazu. Wenn das nicht da ist, ist irgendwas falsch gelaufen oder dann vermisst man es auch. Gerade ich bin jetzt vom Naturell her nicht die größte Rampensau. Ich muss nicht immer unbedingt im Mittelpunkt stehen, aber auf der Bühne tu ich das natürlich automatisch. Da ist es wichtig, dass man vorher aufgeregt ist und Adrenalin hat, das sich dann auf der Bühne entladen kann. 

Deine Songs erzählen von sehr intimen Erlebnissen deines Lebens. Wie fühlt es sich an, diese immer und immer wieder auf den Konzerten aufzufrischen?
Ich kann gar nicht anders – das Schreiben hat schon immer noch diese Ventilfunktion für mich selbst und das genieße ich sehr. Natürlich macht man sich manchmal im Nachhinein Gedanken, ob das jetzt vielleicht zu persönlich oder zu privat ist, aber beim Entstehen der Musik ist das eigentlich nie Thema, weil man da gar nicht an andere Leute denkt. 

Wie viel davon ist dir wirklich selbst so widerfahren, wie viel nur fiktiv?
Ich glaube, dass in jedem Song sehr viel von mir steckt – trotzdem nimmt man sich natürlich das Recht des Autors und des Kreativen, daraus dann noch was Künstlerisches zu machen – so ähnlich wie bei einem verfilmten Drehbuch, das auf einer wahren Geschichte basiert. 

Es geht auch in deinem Album darum, im Leben zurechtzukommen, ohne nur „herzlos umherzuhetzen“. Wann war das bei dir das letzte Mal der Fall?
Das gibt es immer wieder. Ich hatte jetzt vor Kurzem erst eine Release-Woche zu meinem neuen Album und da habe ich schon versucht, mir alles so zu legen, dass ich nicht von den Terminen überrannt werde. Dadurch, dass ich sonst ein recht entschleunigtes Leben habe, war das für mich schon recht aufwühlend. Immer wenn etwas Besonderes in meinem Leben passiert, so wie gerade das Album-Release, dann rudert man erst mal so ein bisschen. 

„Münztelefon“, „Schlüssel“ und „Realität“ sind alles sehr kurze Lieder, eher nur Ausschnitte… Die Songs sind alle auf denselben Beat gesungen. Steckt da mehr dahinter?
Ich bin da auch unschlüssig, bis heute. Es gibt manchmal so Songs, Konzepte und Ideen, die einem zufliegen, von denen man im Nachhinein gar nicht so genau weiß, wie die jetzt einzuordnen sind. Das ist auch eine wahnsinnig schöne Facette am Schreiben, dass man sich besser kennenlernt. Wenn man die drei Songs hört, geht es in allen ums Nachhausekommen und Ankommen, auf eine abstrakte Art und Weise. Was ich an den Songs sehr mag, ist, dass sie so was Mysteriöses haben und dass sie in der Tracklist neutralisierend wirken. Es wirkt immer wie ein Doppelpunkt zum nächsten Song, das fand ich sehr schön! 

Dieses Mal bist du zum ersten Mal selbst in deinen Videos zu sehen. Was steckt dahinter?
Ich habe mich lange dagegen gewehrt, aber als wir auf der Suche nach einem Videokonzept für L_BENSLAUF waren, habe ich einen alten Freund angeschrieben, der schon mal ein Artwork für mich gemacht hat. Der hat ein Videokonzept entwickelt, das mir sehr gefallen hat und da war es eben wichtig, dass ich zu sehen bin. Im Nachhinein fand ich es gut, weil ich dadurch sehr nah dran war und sehr stark in den Prozess involviert. Ich habe gemerkt, das wird ein supercooles Video. Wir haben sogar zusammen geschnitten! Ich muss einfach ganz nah an der Sache dran sein, um Feuer dafür zu fangen. Dann kommt auch mehr meine eigene DNA mit rein und das kommt der Schlüssigkeit des Videos zugute! 

Du schreibst auch sehr erfolgreiche Songs für andere Künstler, wie zum Beispiel für Namika oder Johannes Oerding – was magst du besonders daran, in der zweiten Reihe zu stehen?
Den Reiz mit und für andere Künstler zu schreiben ist vor allem, dass man sich austauschen kann und dass man teilweise auch über Dinge redet, die tief gehen und einen berühren können, wenn jemand wirklich aufmacht. Man lernt selbst sehr viel und kann sehr viel mitnehmen – das ist für mich die schönste Facette an dem Ganzen. Sonst war Schreiben für mich immer etwas total Introvertiertes – ich hätte mir das niemals vorstellen können. Irgendwann habe ich mich dann getraut, auch auf anderen Hochzeiten mitzutanzen und habe gemerkt: Wow, das macht total Spaß!

Gerade befindest du dich in deiner schönsten Lücke des Lebenslaufs. Was kommt danach?
Ich sag ja schon in dem Song: „Ich wünsche mir, sie hört nie auf.“ Ich bin wirklich kein guter Planer, also, ich habe überhaupt kein Endziel. Viele haben ja große Wünsche oder sogar Dinge, die sie als großen Traum bezeichnen – so was habe ich überhaupt nicht. Da bin ich schon sehr der typische von-einem-Tag-in-den-anderen-leben-Mensch. Ich fahre damit für mich persönlich auch ganz gut. 

Du hast aus beruflicher Sicht, selbst schon als Kind, nichts anderes außer Musik gemacht. Könntest du dir auch vorstellen, mal in eine komplett andere Richtung zu gehen?
Ich glaube, die Musik wird schon immer ein ganz wichtiger Teil bleiben. Man muss natürlich aufpassen, dass man nicht in dieser Blase versinkt und sich den ganzen Tag nur mit Musikern umgibt, um Musik zu machen – das ist natürlich auch sehr einladend und eine schöne Komfortzone. 

Der Song „Was du nicht sagst“ handelt eben gerade davon, etwas nicht auszusprechen. Gibt es etwas, dass du unseren Lesern zum Schluss noch mitteilen willst?
Ich freue mich, wenn die Leute auf meine Tour kommen, in der zweiten Oktoberhälfte bin ich in ganz Deutschland unterwegs. Ah, und danke für das Interview!

 

Fabian Römer: L_BENSLAUF
VÖ: 09.08. 

 

Fabian Römer © Ramon Haindl