Titelstory: Faber

Seit seiner ersten EP „Alles Gute“ geht der Schweizer Songwriter Faber in seiner Karriere durch Wände, als wären sie Türen. Er schreibt pointierte Texte, die gleichzeitig zum Klügsten und Polarisierendsten gehören, was es in deutscher Sprache zu hören gibt. Jetzt erscheint mit „I fucking love my life“ sein zweites Album. 

Mit seinem Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“ hat er 2017 den Startschuss für eine schon jetzt beeindruckende Karriere abgefeuert: Drei ausverkaufte Tourneen, Headlinerslots auf geschmackssicheren Festivals, Faber wurde von Kritikern und Fans gleichermaßen gefeiert. Die musikjournalistische Küchentischpsychologie sagt: Schwierige Ausgangssituation für ein zweites Album. Faber meistert sie mit Bravour. Entstanden ist das großartig wie programmatisch-zynisch betitelte „I fucking love my life“ mit der Goran Koc y Vocalist Orkestar Band, mit der Faber nun schon seit Jahren die Bühne teilt. Und das hört man: Die Platte groovt, ist trickreich, flüssig und wie aus einem Guss. So klingt blindes musikalisches Verständnis. 

 

Interview: Laura Kiwitt
www.fabermusik.de 

 

 

Hi Faber – cool, dass es so spontan geklappt hat. Was machst du gerade?
Ich bin gerade in Berlin und habe Promo-Tage. Du musst dir das so vorstellen: Von 10 Uhr bis 18 Uhr spreche ich mit verschiedenen Leuten über mich selbst. Das ist eine sehr seltsame Angelegenheit.

Macht dir das dann trotzdem Spaß oder nervt es dich schon?
Hmm… Ist das eine Fangfrage? Haha – ich glaube, Spaß ist das falsche Wort. Dass es mich wirklich nervt, würde aber auch nicht sagen. Es ist manchmal ein bisschen viel und stressig. Ich glaube, wenn man das zu lange macht, kann das zu ganz schön vielen Problemen führen, weil es sich diese Stunden nur um dich dreht. Das kann manche Leute schon ganz schön durcheinander bringen auf Dauer.

Die Festivalsaison ist jetzt ja auch rum für dich…
Gott sei Dank! Haha.

Bei unserem letzten Interview meintest du sogar, du hasst Festivals. Trotzdem: Dein bester Festival-Moment in diesem Jahr?
Da waren schon ganz schön viele Sachen dabei, die cool waren. Wir haben auf vielen hübschen Festivals gespielt – ich muss gerade überlegen, weil echt viele Highlights dieses Jahr dabei waren… Auf dem „Watt En Schlick Festival“ konnte man während der Show sogar aufs Meer rausschauen!
Dass ich Festivals hasse, war von mir letztes Jahr auch etwas übertrieben dargestellt, aber es hat halt oft den Ballermann-Effekt. Ich muss das nicht jedes Wochenende haben – die Leute kotzen sich gegenseitig an und finden das witzig. Da muss ich nicht unbedingt dabei sein.

Wenn du als Schweizer an Deutschland denkst – was kommt dir sofort in den Sinn? Hat sich das hier vor Ort auch bestätigt?
Also man muss sagen, in der Schweiz seid ihr jetzt nicht gerade super beliebt. Vor allem auch wegen eurer forschen Art. Ihr geltet als sehr streng. Ich denke vieles ist auch sprachlich bedingt. Wir sprechen dieselbe Sprache und können sie einfach schlechter als ihr. Ich denke, deswegen haben wir immer so ein bisschen Schiss vor euch Deutschen!
Bewahrheitet hat es sich kaum – ich habe auf jeden Fall sehr viele herzliche Leute kennengelernt. Dass man hin und wieder sehr forsch ist hier, das ist glaube ich schon so.

Also hast du dich hier schon immer wohlgefühlt?
Ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt und wurde mit offenen Armen empfangen. Ich habe hier sehr gute Freunde und Geschäftspartner kennengelernt und auch ein sehr abwechslungsreiches und facettenreiches Publikum. Und dafür bin ich sehr dankbar!

Aktuell lebst du immer noch in Zürich. Könntest du dir vorstellen, mal wo anders hinzuziehen?
Es gibt, glaube ich, viele gute Gründe, dort erstmal wohnen zu bleiben. Gerade wenn man viel unterwegs ist und Musik macht, ist man mit ganz vielen Leuten zusammen, die dich natürlich mit anderen Augen sehen und ich glaube, da ist es ganz gut, einen Freundeskreis zu haben, der nichts damit zu tun hat und den das auch nicht interessiert. Wenn ich jetzt zum Beispiel aufgrund von Liebe oder sowas wegziehen würde, wäre das natürlich was anderes. Ansonsten würde ich erstmal nicht in deutschsprachige Städte ziehen wollen. Ich kann mir gut vorstellen, mal wieder für eine Zeit lang nach Palermo zu gehen. Das habe ich schon mal gemacht – war cool! Den ganzen Balkan und Italien finde ich sehr witzig, was aber nicht zwangsläufig heißt, dass ich wirklich dort hinziehen würde.

Seit deinem letzten Album „Sei ein Faber im Wind“ sind zwei Jahre vergangen. Was hast du noch so gemacht, außer am neuen Album zu arbeiten?
Wir haben mit dem neuen Album sogar erst im März begonnen. Wenn ein neues Album raus ist, dann machst du erstmal eine Tour – und dann noch eine und noch eine. Ich weiß gar nicht, wie viele Touren wir gespielt haben. Auf jeden Fall einige. 

Hast du dir auch mal eine komplette Auszeit genommen für ein paar Monate?
Ne, eher nicht. Ich war schon im Urlaub, aber immer nur sehr kurz. Nach Oktober 2018 war eigentlich frei – also ich musste das neue Album vorbereiten, hatte aber auch sehr viel Freizeit. Da hat mich irgendwie total so eine Post-Tour- und Winter-Depression gepackt. Ich bin einfach überhaupt nicht mehr klargekommen, was alles so passiert ist in meinem Leben. Also habe ich diese Spiel-Pause leider nicht sehr entspannt verbracht. Es war sehr schwierig!

 

Hände in die Luft und einfach feiern, weil man sonst überhaupt nicht mehr klar kommt. Und das war halt so das Motto: „Sag niemals nein“ und „I Love My Life“! 

 

Dein neues Album trägt den Namen „I fucking love my life“. Wie kam’s zu dem Albumtitel?
Ich hatte eine sehr schwierige Zeit die letzten zwei Jahre und dadurch ist das irgendwie so entstanden – von wegen: Hände in die Luft und einfach feiern, weil man sonst überhaupt nicht mehr klar kommt. Und das war halt so das Motto: „Sag niemals nein“ und „I love my life“!

Was lief bei der Produktion deines zweiten Albums komplett anders? Was war vielleicht besser, was schlechter als bei deinem Debüt?
Es war auf jeden Fall komplett anders. Es war mega schwierig für mich. Beim ersten Album hatten wir zehn Tage Zeit und wir wussten genau, was wir machen, haben alles aufgebaut und dann einfach gespielt. Dann war’s das und wir waren wieder weg, ohne groß was zu überlegen. Und jetzt, dieses Mal, hatten wir gefühlt mega viele Möglichkeiten, aber dadurch gab’s auch oft mega die Leere. Es war unklar, was man jetzt nimmt und was cool und uncool ist. Es war echt schwierig.

Wie entstehen neue Songs bei dir?
Zuerst sammle ich einige Sachen, die ich gut finde und die man machen könnte, aber das muss man dann natürlich an einem ruhigen Ort ausarbeiten. Muss auch nicht unbedingt am Schreibtisch sein…

Zu deiner bereits erschienen Single „Das Boot ist voll“: Du hast den Song nach der Veröffentlichung nochmal durch eine neue Version ersetzt, weil du doch nicht zufrieden warst. Wie konnte das nach der Veröffentlichung passieren?
Ich glaube nicht, dass mir das vorher nicht aufgefallen ist, aber ich dachte irgendwie, das ist stark so und das funktioniert. Das hat es auch! Trotzdem hatte ich im Nachhinein das Gefühl, das geht so überhaupt nicht. Kurz vor Veröffentlichung habe ich sogar nochmal versucht, es zu ändern, aber es hieß, das Ding ist durch! Dann habe ich aber gemerkt, dass ich damit nicht leben und nicht dahinter stehen kann – und, dass ich das sehr wohl neu machen kann, weil es schließlich mein Projekt ist. Koste was es wolle! Ich habe auf jeden Fall teuer bezahlt, weil ganz viele die erste Version gut fanden und es so rüberkam, als hätte ich mich verbiegen lassen und ich dadurch nicht mehr echt bin. Man kann das sehen, wie man es sehen möchte… Ich bin zufrieden, dass ich das gegen all den Widerstand gemacht hab.

Oftmals wirst du, gerade wegen deiner unverblümten Aussprache, auch kritisiert. Steckst du das gut weg?
Ne, es ist überhaupt nicht einfach. Das geht mir alles sehr nahe und ich nehme mir das immer zu Herzen! Einen Weg gefunden, um damit klarzukommen, habe ich auch nicht – leider. Das werden jetzt wieder sehr schwierige Monate sein, die auf mich zukommen. Das Handy auf Dauer-Flugmodus kannst du ja auch nicht dein Leben lang bringen!

Der letzte Song deines Albums – „Heiligabig“ – ist gleichzeitig dein erster Song mit schweizerdeutschem Text. Warum? Wie hat dein unmittelbares Umfeld darauf reagiert?
Das war eher zufällig, ich muss es auch nicht unbedingt nochmal machen – bin aber auch nicht abgeneigt. Wenn ich nochmal spontan das Gefühl habe, dass ich da Bock drauf habe, dann mach ich es. Es war aber auch kein Promo-Move. Mein direktes Umfeld hat gar nicht auf das Schweizerdeutsch reagiert, sondern eher darauf, was in diesem Song gesagt wird. Das ist schon schwer – man möchte denen ja auch keine Sorgen bereiten. Das komplette Album ist sehr schwer.

Auf deinem Insta-Profil findet man auch einige Fotos, die dich zum Beispiel mit Doppelkinn und aus eher unvorteilhaften Perspektiven zeigen. Woher kommt diese Einstellung, sich selbst nicht so ernst zu nehmen?
Das sind meistens keine Fotos, die so gemacht sind, sondern man ist im Hintergrund von seinen eigenen Fotos und dieser Ausschnitt sieht halt mega kacke aus – das ist immer Zufall.
Ich glaube, das Witzige ist, dass das ein Gegensatz zur klassischen Selbstdarstellung ist, wo alles bis ins kleinste Detail geplant ist.

Was bedeutet eigentlich das Tattoo auf deinem linken Oberarm? Könnte ein Datum oder so etwas sein…
Das ist ein Name von einer Person, die mir sehr wichtig ist! Alles weitere kannst du dir ja denken… 

Zum Schluss: Wenn du einen Tag jemand komplett anderes sein könntest, wer wärst du?
Hmm… Ich wäre gerne Lana del Rey! Ich würde einfach singen, weil die mega geile Musik macht. Ich würde das total ausnutzen, mal einen Tag lang sowas machen zu können. Oder was auch richtig geil wäre: Einen Tag Maradona sein und sich voll kaputt an die schöne Zeit erinnern. Oder einen Tag Usain Bolt sein und ein Mal um den Block rennen, um allen zu zeigen, wie schnell man ist – Ich glaube, das Letzte finde ich am besten.

 

Faber:
I fucking love my life
VÖ: 01.11. 

 

Faber © Peter Kaaden