Im Interview: Antilopen Gang

Jeder kennt diese Filmszene, in der irgendein Einsatzleiter hektisch „Abbruch Abbruch“ in sein Funkgerät ruft. „Abbruch Abbruch“ ist das Gegenteil von „Zugriff“ und somit die einzige vernünftige Antwort auf den Wahnsinn, der uns umgibt. „Abbruch Abbruch“ ist auch der vieldeutige Titel des dritten Albums der Antilopen Gang, mit dem Danger Dan, Koljah und Panik Panzer ein beeindruckendes Manifest der Rückkehr zur Realität im Hip Hop gelungen ist.  Nun wird das Steuer ab jetzt noch schärfer rumgerissen und konsequent auf die Gegenfahrbahn gelenkt. Also: keine Deluxe Box, kein Ballast, einfach nur Musik!

Interview: Tom Jentsch
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Moin Koljah, im Info zum neuen Album heißt es, dass die Antilopen Gang jetzt endlich so klingt, wie sie immer klingen wollte. Habt ihr es früher schlicht nicht hinbekommen oder ist der aktuelle Sound einfach die Krone der seitherigen Entwicklung?

Ich glaube, es ist beides. Wir sind in unseren Möglichkeiten immer auch limitiert gewesen; hatten immer den Anspruch, so viel wie möglich selbst zu machen, und gleichzeitig waren wir auch immer auf der Suche nach Leuten, die uns helfen können und die so ein bisschen unsere Vision verstehen. Und gerade das ist gar nicht so einfach, weil wir eben ein sehr eigenwilliger Haufen sind. Bei den letzten Platten konnten wir, was den Sound angeht, noch nicht das Maximum ausschöpfen. Aber dieses Mal hat es eben endlich geklappt. Da ist der Sound fetter und noch weiter entwickelt als auf den Platten davor. Das heißt gar nicht, dass ich die Platten nachträglich schlechtreden will, aber jetzt konnten wir eben noch mehr unsere Ideen und Vorstellungen verwirklichen, um die Sache so noch mehr auf den Punkt zu bringen. Wir haben drei Münchner kennengelernt, die sich als Produzenten C.O.W. nennen. Und mit denen hat’s einfach klick gemacht. Wir haben uns getroffen, haben uns gut verstanden und wir konnten mit Songs von uns zu denen gehen und überlegen, wie man da noch etwas mehr rausholen und dem Ganzen noch so eine gewisse Kohärenz geben kann. Alleine hätten wir das nicht umsetzen können, weil wir da eben an unsere Grenzen gestoßen wären.

Das stelle ich mir schwierig vor, weil’s eben nicht nur von den Fähigkeiten passen muss, sondern auch menschlich. Man hockt da ja echt lange aufeinander…

Genau das ist nämlich der springende Punkt. Es gibt natürlich viele Leute da draußen, die sowas theoretisch – und auch praktisch – können (lacht), aber es muss eben auch auf ner menschlichen Ebene zusammenpassen. Man muss wissen, wo man gemeinsam hin will. Wir haben uns über die Jahre mit verschiedensten Leuten getroffen, aber erst mit C.O.W. hat es dann eben so gut wie davor noch nie harmoniert.

Dieses Zusammensein als Band ist bestimmt nicht immer konfliktfrei. In „Abraxas“, einem Song über eure ehemalige Stammkneipe, erfährt man, dass ihr euch ab und an auch mal prügelt, dann aber eben auch wieder vertragt. Ist Streit in eurer Arbeit eine wichtige Komponente?

Wir sind auf jeden Fall sehr diskussionsfreudig. Und wir haben auch alle sehr klare Meinungen, wie was zu sein hat.
Und wir sind selten gleich auf Anhieb der gleichen Meinung und klar führt sowas auch zu Konflikten. Aber im Großen und Ganzen kann ich sagen, wäre das nicht so, dann würden wir auch nicht so funktionieren. Wir diskutieren durchaus gerne und es ist auch ok, wenn es da dann auch mal etwas schärfer zur Sache geht. Es geht ja auch um die gute Sache, die uns gemeinsam wichtig ist. Leute, die uns noch nicht so kennen, sind oft überrascht, dass wir sehr ehrlich, sehr hart miteinander reden, ohne Höflichkeitsfloskeln und um den heißen Brei herumzureden. Das heißt aber nicht, dass wir dann total zerstritten sind, sondern wir klären das, und dann ist auch gut. Wir sind einfach sehr straight in der Kommunikation untereinander. Das ist, glaube ich, echt eine Eigenart von uns, dass wir uns so klar unsere Meinung sagen können.

…danach haben wir nen Schnaps getrunken und alles war wieder ok. Wir neigen ansonsten eigentlich nicht zu Gewaltausbrüchen untereinander!

Aber ich vermute mal, dass diese Szene in „Abraxas“ in der Vergangenheit lag und ihr sowas heute nicht mehr körperlich regelt?

So oft ist das auch nicht vorgekommen, dass das körperlich geregelt wurde (lacht). In dem Song geht’s auch eher um irgendwelche besoffenen Kneipenabende, wo dann irgendwann die Emotionen hochkochen, aber wie ich’s in meiner Strophe ja auch sage, wir haben danach nen Schnaps zusammen getrunken und alles war wieder ok. Wir neigen ansonsten eigentlich nicht zu Gewaltausbrüchen untereinander! (lacht)

Bevor in nem knappen Monat die Tour startet, ist in ner guten Woche die Releaseparty in Berlin. Das „Festspiel“ bietet nicht nur Konzert, sondern auch ein Symposium mit Vorträgen, Diskussionsrunde und Party. Weil ich mir nicht sicher war, was Symposium bedeutet, hab ich mal eben nachgeschaut und Folgendes gefunden: „Der altgriechische Ausdruck Symposion steht sinngemäß für „gemeinsames, geselliges Trinken“. Aus der Bedeutung für gesellige Treffen hat sich später der Begriff Symposium für wissenschaftliche Konferenzen entwickelt.“ Da musste ich schmunzeln. War diese Doppeldeutigkeit beabsichtigt?

Tatsächlich nicht, muss ich gestehen. War mir seither so nicht bekannt, aber umso besser, das passt ja auch gut auf den Abend! Im besten Fall wird das auch ein geselliges Beisammensein, allerdings mit ein paar wissenschaftlich fundierten Vorträgen.

Stichwort Vorträge: Jan Wehn kenne ich natürlich von seinem Buch „Könnt ihr uns hören?“, Prof. Dr. Samuel Salzborn beschäftigt sich stark mit Antisemitismus und Dr. Martin Seeliger hat auch schon über Gangster-Hip Hop geschrieben.

Und Martin Seliger ist auch Teil der großartigen Punkband Die Shitlers gewesen, mit denen wir auch schon ein paar Mal Konzerte gespielt haben, aber er ist eben auch ein ernstzunehmender Wissenschaftler.

Da steht also dann ein Rednerpult auf der Bühne und die drei Herren schmeißen Powerpoint an und halten ihre Vorträge?

(lacht) Also wir haben den Referenten freie Hand gelassen und ich bezweifele einfach mal, dass da einer mit ner Powerpoint-Präsentation ankommt. Aber man kann sich das schon so vorstellen, dass da zunächst Vorträge gehalten werden, später gibt es dann auch ne Diskussionsrunde, wo wir uns auch eher zurückhalten, auch wenn sich einer von uns, nämlich Panik Panzer, auch in die Runde setzen wird. Es geht also erstmal darum, dass andere Leute nochmal eine ganz andere Perspektive auf die Platte kundtun, bevor wir das dann später auf der Bühne mit dem Liveauftritt verifizieren oder falsifizieren – das ist noch nicht ganz klar (lacht). Wir haben nichts vorgegeben und ich bin selbst gespannt, besonders auf Martin Seliger, der dort ja eine kritische Sicht auf die Antilopen Gang zum Besten geben wird. Schauen wir mal, wie vernichtend das dann tatsächlich werden wird.

Die Show ist ausverkauft und so mancher würde das wohl zu gerne miterleben. Schneidet ihr das mit und kann man sich das später irgendwo anschauen?

Wir haben geplant das mitzuschneiden, sodass sich dann auch alle, die an dem Abend nicht dabei sein können, später noch reinziehen können.

In Jan Wehns bereits erwähntem Buch „Könnt ihr uns hören?“ hat es auch ein Personenregister und da kann man über dich lesen, dass du „Erster Vorsitzender sowie Hauptkassierer des inoffiziellen Illmatic-Fanclubs e.V.“ bist. Erzähl doch mal…

(lacht) Also ich bin vielleicht der größte Illmatic-Fan, den es gibt. Er war ja in den 90ern und bis in die erste Hälfte der 2000er als Rapper auf dem 3P-Label von Moses Pelham aktiv. Und Illmatic war, als ich eben angefangen hab Rap zu hören und auch selbst zu rappen, enorm wichtig. Der lief immer so ein bisschen unter dem Radar und abgesehen von Jan Wehn, ist mir bisher noch niemand über den Weg gelaufen, der ein ähnlich großer Illmatic-Fan ist wie ich. Ich hab Illmatic mal für einen Podcast persönlich getroffen, eigentlich heißt er ja Costa Meronianakis und macht heute Stand-up-Comedy, und auch das macht er richtig gut und erfolgreich. Einfach mal bei YouTube suchen… Illmatic wird richtig unterschätzt und hat meines Erachtens auch die beste Rapstimme, die es so gab. Also zumindest eine der Besten… Ich kann wirklich nur empfehlen, sich das mal anzuhören!

Bei der oben schon angesprochenen Diskussionsrunde ist auch Luise Fuckface mit dabei. Auf dem neuen Album ist sie auch bei „Der Ruf ist ruiniert“ und überrascht da mit ner wirklich krassen Stimme. Der Name sagte mir vorher gar nichts…

Die meisten kennen sie, weil sie Teil der Band The toten Crackhuren im Kofferraum ist, aber sie hat auch noch ne andere Band namens Lulu und die Einhornfarm – beides Bands, die wir super finden. Als wir „Der Ruf ist ruiniert“ gemacht haben, hatten wir irgendwie das Gefühl, dass da noch irgendwas fehlt. Und dann ist uns ihre Stimme eingefallen, weil sie da eben noch einen draufsetzen könnte. Weil sie eben, wie du schon sagst, ne ganz krasse und eigene Stimme hat. Sie hatte dann auch Bock, ist im Studio vorbeigekommen und hat das aufgenommen. Das ist dann tatsächlich auch der einzige Gastbeitrag auf dem neuen Album.

Gibt’s Pläne, sie mit auf Tour zu nehmen?

Momentan nicht. Sie wird halt bei der Releaseparty in der Diskussionsrunde zum Thema Sex mitwirken und auch da einiges Interessantes zu erzählen haben. Es ist jetzt nicht auszuschließen, dass wir uns auch mal ne Bühne teilen, aber bei der ersten Rutsche jetzt im Frühjahr ist sie nicht dabei.

Ihr macht euch bestimmt schon Gedanken über die Tour. Kannst du schon etwas verraten?

Wir haben bei der Tour wieder unsere Band dabei, mit der wir jetzt seit drei Jahren unterwegs sind. Zur letzten Platte haben wir ja eine Punkband zusammengestellt, weil wir ja auch ein paar Punksongs geschrieben haben. Das hat uns allen so gut gefallen und hat unserem Liveprogramm so eine unverzichtbare Facette hinzugefügt – weil man mit ner Band viel mehr Möglichkeiten hat – dass wir uns gedacht haben, dass wir das so weitermachen wollen. Als Neuerung auf der Tour hat die Antilopen Gang endlich auch nen DJ dabei. Und zwar Miss Jenny Sharp aus Leipzig. Gerade sind wir am Proben und es ist alles sehr vielversprechend und abwechslungsreich. Zudem gibt es auch noch Piano-Einlagen; Danger Dan ist ja auch Pianist…

Überrascht war ich, als ich gelesen habe, dass es vom Album keine Deluxe-Box geben wird. Mit dem Vorgängeralbum habt ihr es ja auf den ersten Platz in den Albumcharts geschafft, ohne Box wird es aber schwierig das zu wiederholen, oder?

Das stimmt. Ohne so ne Box ist es fast nicht möglich. Wobei man sagen muss, dass „Anarchie und Alltag“, die auf eins gegangen ist, hatte auch keine klassische Deluxebox, aber da hatten wir zumindest so ne erweiterte Version des Albums mit der Punkrockplatte „Atombombe auf Deutschland“, was für viele Leute ein Kaufanreiz war. Aber beim neuen Album haben wir irgendwann bemerkt, dass wir jetzt gar nicht auf Teufel komm raus versuchen wollen, da anzuknüpfen und den Nummer-Eins-Erfolg zu wiederholen. Da macht man sich selbst so nen Druck, das bremst einen eher in der Kreativität. Viele Rapper machen das ja: je teurer die Box, umso wahrscheinlicher kommt man hoch in die Charts. Aber wir haben keine Lust das Spiel mitzuspielen und uns solchen Verwertungslogiken unterwerfen. Wir machen lieber ne geile Platte. Ohne auf aktuelle Tendenzen zu reagieren. Also Lieder kürzer zu machen und auf zwei Minuten zu trimmen, oder auch gleich mit dem Refrain anzufangen, damit das mit den Playlists bei den Streaming-Diensten klappt. Auf all diesen Quatsch haben wir ganz bewusst verzichtet und gesagt: „Scheiß drauf!“. Wir haben jetzt einmal die Eins geholt, das war schön, kann man sich für immer auf die Fahnen schreiben, aber damit ist dann auch gut. Nicht, dass es mich stören würde, wenn das nochmal passieren würde, aber wir müssen das nicht krampfhaft versuchen.

Antilopen Gang: „Abbruch Abbruch“
Bereits erschienen
▶ www.jkp.de

Alle Fotos © Katja Runge